Kapitel 1: Jetzt geht’s los - Über Moskau nach Peking

+++ Unverständnis und Ahnungslosigkeit +++ 3.6.: Abflug nach Moskau +++ Von Moskau nach Peking am selben Tag +++ Ankunft am 4.6. in Peking +++ Tage in Peking +++


Die Wochen und Monate vor meiner Reise verbrachte ich mit Überlegungen zur Rückreise aus Pjöngjang. Viele Ideen wurden entwickelt und wieder verworfen. Shanghai stand auf dem Plan, ebenso die Mongolei. Auch Russland hatte ich im Blick und besuchte dafür das russische Generalkonsulat in Hamburg. Doch das recht teure Russland-Visum – immerhin 180 Euro – lenkte meinen Blick nach Kasachstan. Für deutsche Staatsbürger visumfrei und damit eine attraktive Alternative. Die grobe Route war nun festgelegt: von Hannover über Moskau nach Peking, dann Nordkorea und schließlich Kasachstan.

In Berlin hatte ich gute Erfahrungen gemacht, mit vertrauten Menschen über mein Reisevorhaben zu sprechen. Die Gespräche kurz vor dem Abflug waren dagegen oft ernüchternd. Ein ganzes Panoptikum aus Ängsten, Unzulänglichkeiten und offenem Misstrauen begleitete mich in den Wochen vor der Abreise. Besonders die Idee, Nordkorea zu bereisen, löste Fassungslosigkeit und argumentative Beißreflexe aus. „Da kommst du gar nicht rein“ oder „Da kommst du nie wieder raus“ – solche Sätze bestimmten die Sichtweise vieler, denen ich von meinem Vorhaben erzählte. Eine Bekannte fragte gar, warum ich nicht lieber Südkorea besuchen wolle. Offenbar lernt man nicht nur auf Reisen etwas über seine Mitmenschen, sondern bereits bei deren Vorbereitung.

Eine meiner positiven Eigenschaften ist Beharrlichkeit. Die unverhohlene Herabsetzung meines Projekts spornte mich an. Ganz offensichtlich hatte ich mit der Idee, Nordkorea zu besuchen, den Nerv jener getroffen, die lieber daheim bleiben und Wohlstandszonen nicht verlassen – um sie zur Normalität zu erklären.

Am 3. Juni 2019 war es endlich so weit. Am Morgen erledigte ich meine Routinen – das letzte Mal für viele Wochen in meinem Bad und meinem Wg-Zimmer. Ich schaute in den Spiegel und war nach Monaten der Planung erfüllt von einem Gedanken: Jetzt geht es endlich los. Zwei meiner Kinder und Kai begleiteten mich zum Flughafen in Hannover. Kai fotografierte mich beiläufig, während ich mich orientierte – noch in einer mir vertrauten Umgebung. Wie oft würde ich auf dieser Reise meinen Weg suchen, wie oft ihn neu finden.


Gemeinsam gaben wir das Gepäck auf: ein großer Reiserucksack, der mein treuer Begleiter werden sollte. Als er auf dem Rollband verschwand, spürte ich: Es gab kein Zurück mehr. Diese Reise wollte angetreten werden.

Kai und meine Kinder verabschiedeten mich herzlich. Etwas ungeduldig betrat ich den Sicherheitsbereich. Nach der Handgepäckkontrolle war ich nun allein und wartete auf das Flugzeug nach Moskau. Der Flug verlief unspektakulär, und ich startete noch am selben Tag den Anschlussflug nach Peking. Dort kam ich tagsüber an. Im Hostel wurde ich weggeschickt, um Bargeld zu holen. Schon hier spürte ich die spröde, frostige, zugeknöpfte chinesische Art. China und seine Menschen wirkten auf mich distanziert und kühl.

Es wurde mir zur guten Gewohnheit, Städte zu Fuß zu entdecken. Am ersten Tag in Peking erkundete ich die nähere Umgebung meines Hostels. Es ging mir nicht um Sightseeing, sondern darum, ein Gefühl für die Stadt und ihre Menschen zu entwickeln. Mein erster Eindruck: Wenn ich hier umfallen würde, würden die Menschen einfach über mich hinwegsteigen. Ich schien für sie nicht präsent zu sein. Kein Lächeln wurde erwidert – ein Verhalten, das ich auf keiner meiner bisherigen Auslandsreisen erlebt hatte und auch später nicht mehr erleben sollte.


Am zweiten und dritten Tag weitete ich meine Spaziergänge aus. Ich erlebte eine geschäftige, aber distanzierte Metropole. Mein Weg führte mich unter anderem in die Verbotene Stadt. Die Menschen drängten sich dicht an dicht durch Pekings wichtigste Touristenattraktion. Die symmetrisch angeordneten Gebäude strahlten die Erhabenheit der langen chinesischen Kulturgeschichte aus. 

Auffällig waren Kinder, die mit Spiralkabeln an den Handgelenken ihrer Eltern gesichert waren. 

Ebenso junge Frauen, die sich trotz der Sommerhitze modisch vermummt hatten. Später erfuhr ich, dass in China ein heller Teint als schön gilt – die Kleidung dient dazu, das Bräunen der Haut zu verhindern.

Eine weitere chinesische Eigenheit ist die Vorliebe für Selfies – als Kultur der Selbstversicherung: Man war wirklich dort und sah dabei auch noch gut aus. 
Am selben Tag besuchte ich eine große Seeanlage mitten in der Hauptstadt, auf der Menschen mit kleinen Booten unterwegs waren – ein Ort, der kaum zur rastlosen Stadt passen wollte.

Im Hostel versammelten sich Menschen aus vielen Nationen. Abends saßen wir an einer großen Tafel und teilten unser mitgebrachtes Essen. Die Gruppe war bunt gemischt – Menschen aus allen Kontinenten tauschten sich über ihre Reisen aus: Woher wir kamen, wohin wir wollten. Der Ort selbst war schlicht – ein gepflasterter Innenhof. Eine junge Französin war zuvor in Hongkong gewesen und nun auf dem Weg in die Mongolei, um dort zu wandern. Eine Südafrikanerin berichtete, dass sie als Lehrerin in China arbeitet. Meine Absicht, nach Nordkorea zu reisen, stieß auf Interesse – aber nicht auf Überraschung.

Ich hatte große Erwartungen an Peking – doch die Stadt enttäuschte. Die Idee sozialistischer Kollektivität schien nicht zu passen zu einer Gesellschaft, die wenig Mitmenschlichkeit und Nähe ausstrahlte. Die Tage wurden zunehmend lang für mich, und ich konnte es kaum erwarten, nach Nordkorea weiterzureisen. Bewusst hatte ich mich gegen einen Weiterflug entschieden und freute mich auf die Zugfahrt nach Pjöngjang. Der Gedanke, eine längere Strecke durch Nordkorea fahrend zurückzulegen, beschäftigte mich am letzten Abend in Peking. Es war der 7. Juni 2019 – kaum vier Tage nach dem Abschied von meinen Kindern und Freunden. Nun wartete ein Land, das so ganz anders sein sollte als China.