Auszeit vom Kapitalismus 

Von Hannover nach Pjöngjang und über Zentralasien wieder zurück


Im Jahr 2019, als der Name Corona noch eher mit einem Bier als mit einer Pandemie verbunden wurde, trat ich meine bisher aufwendigste Auslandsreise an. Sie führte mich über Peking nach Nordkorea. Dank des nordkoreanischen Reisedienstes ließen sich die Formalitäten rasch klären. Doch ein anderer Gedanke trieb mich an: Ich wollte meine Reise vertiefen und ausweiten. Die Vorstellung reifte in mir, dass es sich nicht lohnt, für nur eine Woche in Nordkorea um die halbe Welt zu reisen.

Mich faszinierte die Idee, eine längere Reise zu gestalten, die auch die Territorien der ehemaligen Sowjetunion umfasste. Sie sollte facettenreich sein und den Vergleich mit Ländern ermöglichen, die im Westen oft herabwürdigend betrachtet werden – und zugleich Raum für spontane, kreative Entscheidungen lassen. In mir wuchs der Wunsch, nicht nur ein eigenes Bild von Nordkorea zu gewinnen, sondern auch weitere Orte zu besuchen, die Spuren vergangener oder noch ansatzweise bestehender sozialistischer Kollektivität erkennen ließen.

Zwei Punkte bildeten den Rahmen: Hannover und Pjöngjang. Mein Rückweg nach Hannover sollte eine Kette von Stationen sein – zwischen Nordkorea, den Ländern der ehemaligen UdSSR und Europa. Die Reise versprach Kontraste und Erkenntnisse.

In den Monaten Juni und Juli reiste ich in gut sieben Wochen nicht nur nach Nordkorea, sondern über Zwischenstationen in Astana (damals Nur-Sultan, Kasachstan), Bischkek und den Yssykköl-See (Kirgisien) weiter nach Almaty (wieder Kasachstan). Von dort ging es nach Baku (Aserbaidschan), dann in die georgische Hauptstadt Tiflis und über Ankara, Sofia und Prag zurück nach Hannover. Wo immer es möglich war, verzichtete ich auf das Flugzeug und nutzte Bus und Bahn, um Länder und Menschen intensiver kennenzulernen.

Mir war bewusst, dass diese Reise einen ideologischen Charakter hatte – nicht im Sinne einer großen Theorie, sondern als emotionales Erleben echter Zwischenmenschlichkeit und einer Idee des Kommunikativen und Sozialen, getragen von Wechselseitigkeit. Mein wichtigster Begleiter war meine Kamera. Mit ihr fing ich Menschen, Landschaften und Stadtarchitekturen ein, die das Alltägliche und Schöne, bisweilen auch das Einfache und Ursprüngliche dokumentieren – das, was die Länder von Korea bis Zentralasien ausmacht.

Die Menschen bewältigen ihren Alltag, sind mal mehr, mal weniger offen, und stellen sich alle dieselbe Frage: Wie wird die Zukunft – ihre eigene und die ihrer Kinder – in einer Welt im Wandel aussehen?

Schöne Reisebekanntschaften und beiläufige Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen erfüllten meine Erwartung, dass eine andere Lebensrealität jenseits der Ordnung des rationalen Geldverdienens, des zu Tode Rationalisierens und der Durchökonomisierung des Lebens möglich ist – und bleibt.

Vor dieser Reise hatte ich bereits Indien, Madagaskar und einige europäische Länder wie Nordmazedonien besucht. Auch dort hatte ich begonnen, Gesellschaften zu verstehen, die sich dem westlichen Lebensmodell bewusst entziehen.

Doch meine lange Asienreise sollte intensiver werden als alles zuvor Erlebte. Grund genug, diese Reise, die Begegnungen und Erlebnisse in einem Reisebericht zu verdichten:

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