Prolog

Die wertschätzende Kraft guter Gespräche mit Menschen, die etwas verbindet, war stets Teil meiner Lebenserfahrung. Solche Begegnungen bedeuten für mich nicht nur sozialen Austausch, sondern auch die Möglichkeit, Einstellungen und Entwicklungen anderer in meine eigene Erfahrungswelt zu integrieren. Freundschaften vertiefen sich, Weltbilder begegnen einander, Kreativität wird freigesetzt.

Mit Kai verbindet mich eine über dreißigjährige Freundschaft. Über Politik sprachen wir früher kaum. Ich wusste, dass er in der Friedensbewegung engagiert war. Irgendwann begannen wir, uns auch politisch auszutauschen. Ich hatte immer eine Neigung, gesellschaftliche Prozesse zu beobachten. Doch erst ein äußerer Anlass ließ in mir den Wunsch entstehen, diesen Beobachtungen mehr Verbindlichkeit zu geben – und sie politisch zu reflektieren. Kai wurde dabei zu einem warmherzigen, geduldigen Lehrer, der mein bis dahin wenig vertieftes Interesse nicht nur ernst nahm, sondern es behutsam weckte.

Unsere Gespräche kreisten um die Mängel der bundesrepublikanischen Verhältnisse: soziale Ungleichheit, Abstiegsängste, der alles Emotionale überwuchernde Druck der Arbeitsgesellschaft, die Banalisierung des Lebens unter den Prämissen von Erfolg und Karriere. Kai verstand meine Beobachtung, dass unsere Gesellschaft im Innersten – etwa in der Familie – falsch sortiert ist. Die Atomisierung auf das klassische Modell Vater–Mutter–Kind, die Ausgrenzung der Alten in Heimen, die engen Grenzen bürgerlicher Lebensverhältnisse mit der Folge, dass der deutsche Durchschnittshaushalt 1,5 Menschen beherbergt – und Einsamkeit zur Grunderfahrung vieler wird –, all das musste politisch begründet sein. Ich wollte es verstehen.

Die Diskussionen führten zur Frage, ob diese Verhältnisse spezifisch westeuropäisch sind – oder ob es Modelle gibt, die sich bewusst oder unbewusst gegen die Ordnung des rationalen Geldverdienens und der Durchökonomisierung des Lebens stellen. Ich war keineswegs reiseunerfahren: Indien, Madagaskar, Nordmazedonien – überall hatte ich Gesellschaften erlebt, die sich dem westlichen Lebensmodell entziehen. Doch die Gespräche mit Kai bereiteten mich auf eine andere Reise vor. Bald sprachen wir über Kuba und Nordkorea – Länder, die im westlichen Diskurs als Gegenmodelle zur globalen Marktallmacht gelten. Nicht zufällig unterliegen beide einem amerikanischen Handelsembargo. Besonders Nordkorea beschäftigte meine Fantasie. Die Idee, dieses Land zu bereisen, war geboren.

Der Austausch mit Kai bestärkte mich, einer Partei beizutreten. Ich schwankte zwischen DKP und Die Linke. Letztlich entschied ich mich für Die Linke – weniger ideologisch klar, aber gesellschaftlich wirksamer. Die Suche nach Gleichgesinnten, der Zusammenschluss vieler, die neue Prozesse anstoßen wollen, erschien mir sinnvoller als die isolierte Analyse.

Meine Parteimitgliedschaft ermöglichte mir im Sommer 2018 die Teilnahme an einer Abgeordnetenreise unter Leitung von Diether Dehm. Meine Angewohnheit, den Sommer barfuß zu verbringen, führte zu einer unerwarteten Wendung. Der Besuch der russischen Botschaft war Teil des Programms, ebenso Bundestag und Bundesrat. Doch in den Bundestag wurde ich nicht eingelassen – das Fehlen eines Schuhkleides verletze angeblich die Würde des Hauses. Die Etikette der Regierenden scheint eine Anpassungsnorm zu verlangen, die mit freiheitlich-westlicher Lebensführung wenig gemein hat. Die russische Botschaft hingegen empfing mich barfuß herzlich. Am Abend erfuhr ich, dass auch der Bundesrat mich nicht empfangen würde. Ich recherchierte, wo er sich befindet – und stellte fest, dass die nordkoreanische Botschaft fußläufig erreichbar war. Laut Homepage nur mit Termin zugänglich. Doch da ich ohnehin vom Programm ausgeschlossen war, entschied ich mich für einen spontanen Besuch.

Die Botschaft Nordkoreas ist durch ein großes Tor gesichert – ohne sichtbares Personal. Ich klingelte, das Tor öffnete sich. Vor dem Hauptgebäude empfing mich ein Mitarbeiter, musterte mich kritisch – und ließ mich trotz fehlendem Termin und Schuhwerk eintreten. Ich erklärte mein Reisevorhaben. Er antwortete sachlich und freundlich auf Englisch: Eine Reise sei problemlos möglich. Das Gespräch wurde warmherzig. Beim Abschied winkte ich ihm zu – und er erwiderte es lächelnd. Diese erste Begegnung mit einem Menschen aus Nordkorea verfestigte meinen Wunsch, das Land kennenzulernen.

Später sprach ich mit Ferdi, einem belesenen, ruhigen ehemaligen DKP-Mitglied. Er fragte interessiert nach meiner Erfahrung und zeigte ein Maß an Verständnis, das ich selten erlebte. Seine Anerkennung bewegte mich. Der bloße Wunsch wurde zur Entschlossenheit.

Mit dem nordkoreanischen Reisedienst waren die Formalitäten schnell geklärt. Doch ein weiterer Gedanke trieb mich um: Für eine Woche um die halbe Welt zu reisen – das erschien mir zu wenig. Ich wollte die Reise ausweiten, auch auf die Territorien der ehemaligen Sowjetunion. Eine Reise mit vielen Facetten, mit Vergleichen zwischen Ländern, die im Westen herabgesetzt werden – und mit Raum für Spontanität und Kreativität. Ich wollte nicht nur Nordkorea erleben, sondern auch Orte aufsuchen, die Spuren sozialistischer Kollektivität tragen. Zwei Punkte bildeten den Rahmen: Hannover und Pjöngjang. Mein Rückweg sollte eine Aneinanderreihung von Ländern sein – zwischen Nordkorea, der ehemaligen UdSSR und Europa. Eine kontrastreiche, aufschlussreiche Reise.