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Kapitel 11: Von Baku nach Tiflis
+++ 9.7.: Mit dem Zug von Baku nach Tiflis +++ Im Zug: Wodka mit Russen +++ Sergey, ein russischer Schachspieler, trinkt gern Wein +++ (k)eine Demonstration in der Hauptstadt +++ Tiflis fühlt sich wie Europa an +++
Die Zugstrecke zwischen Baku und Tiflis beträgt rund 450 Kilometer. Die Fahrt dauert etwa zwölf Stunden. Ich fuhr – wie schon in Kasachstan – im Großraumabteil. Da der Zug durch die Nacht fahren würde, erhielten alle Fahrgäste Bettzeug.
Der Zug setzte sich am Abend in Bewegung, und ich verabschiedete mich von Aserbaidschan und seiner Landschaft in der Dämmerung.
Gemächlich ratterte er Richtung georgischer Grenze. Diese Fahrt blieb mir vor allem wegen meiner russischen Mitreisenden in Erinnerung. Eine illustre Runde lud mich ein, mit ihnen Wodka zu trinken. Nach einigen kleinen Plastikbechern wurde ich müde und legte mich zur Ruhe.
Bei der Ankunft in Tiflis stürmten wie üblich Dutzende Taxifahrer auf die Fahrgäste zu – in der Hoffnung, Touristen zu erkennen.
Der Fahrer, für den ich mich entschied, sprach überraschend gut Deutsch. Er hatte einige Jahre in Frankfurt gelebt, wie er mir erzählte.
Mein Hostel lag zentrumsnah. Im Mehrbettzimmer war nur eines der fünf Betten belegt. Ich verstaute meine Sachen und machte mich direkt auf den Weg zur Bank, um Geld zu tauschen. Zum ersten und einzigen Mal besuchte ich ein Fastfoodrestaurant – wegen des kostenlosen WLANs und der klimatisierten Räume.
In Tiflis gab es zu dieser Zeit politische Spannungen. Ein russischer Abgeordneter hatte im georgischen Parlament auf russisch gesprochen – ein Affront, der zu Protesten führte. Bereits in Baku hatte ich über das Radio davon erfahren. Als ich in Tiflis ankam, sah ich nur noch die Reste eines Protestcamps vor dem Parlament.
Zurück im Hostel lernte ich meinen Mitbewohner kennen.
Sergey, Mitte vierzig, aus Russland. Er hatte an diesem Tag ein Weingut in den umliegenden Bergen besucht und mehrere Flaschen Rotwein mitgebracht. Obwohl Rotwein nicht zu meinen Favoriten zählt, ließ Sergey nicht locker – und zu meiner Überraschung schmeckte der Wein ausgezeichnet. Wir verbrachten den Abend trinkend und plaudernd. Sergey erzählte, dass er Schachlehrer sei und eigentlich nach Russland zurückkehren wolle, dies aber über Georgien nicht möglich sei. Er plante daher, über Armenien zu reisen.
Am nächsten Morgen saß Sergey mit Kater im Aufenthaltsraum. Er fragte nach meinen Plänen. Ich erklärte, dass ich einen Busbahnhof aufsuchen wolle, um meine Weiterreise zu organisieren. Seinen Hinweis, dies online zu erledigen, ignorierte ich und ließ ihn zurück.
Ich setzte meine Erkundung fort. Tiflis ist eine hügelige Millionenstadt mit touristischem Flair. Die protzigen Monumentalbauten Bakus fehlen hier. Stattdessen wirkt die Stadt europäisch – auf einigen Plätzen wehen EU-Fahnen. Manche Viertel haben malerischen Charme. Ich bestieg einen der Berge, auf dessen Scheitel die Statue „Kartlis Deda“ – die „Mutter Georgiens“ – über die Stadt blickt. Von dort bot sich ein wunderschönes Panorama: eine bunte Mischung aus alten und neuen Gebäuden. Mir fiel eine Gruppe verschleierter Frauen auf.
Besonders eindrucksvoll sind der Leghvtakhevi-Wasserfall in der Altstadt und die an den Felsen hängenden Häuser. Tiefe Schluchten werden von pittoresken Brücken gequert. Ein kleiner Naturpark liegt mitten in der Altstadt.
Gleichzeitig bemüht sich Tiflis, modern und weltoffen zu wirken. Der politische Wille, sich der EU anzunähern, ist spürbar. Sowjetische Symbole habe ich nicht entdeckt – dafür wieder Backgammon spielende ältere Herren.
In Georgien fühlte ich mich wieder sehr in Europa angekommen. Nach meinen Erlebnissen in Nordkorea und Zentralasien war der emotionale Höhepunkt meiner Reise überschritten. Ich merkte, dass ich in Georgien bereits wieder in jener Kultur angekommen war, zu der ich zuvor Alternativen gesucht hatte. Das spürbare Hinwenden der Georgier Richtung Europa – der Versuch, die eigene Identität zu transformieren – wurde zwar noch durch eine gewisse Ursprünglichkeit gebremst. Doch es war klar, dass dieses Aufbäumen nicht von Dauer sein würde. Der boomende Tourismus und die sichtbare Armut im Straßenbild – all das kam mir nur zu bekannt vor.
Für mich war Ankara der nächste logische Punkt auf meiner Rückreise, die bislang – mit Ausnahme von Almaty – ausschließlich durch die Hauptstädte der bereisten Länder führte. Ich buchte am Busbahnhof ein Ticket. Die Reise sollte mir zeigen, wie anders die türkische Kultur war im Vergleich zu den bisherigen Stationen. Das Erbe des Osmanischen Reiches stand auf meinem Reiseplan. Es sollte also noch einmal ganz ursprünglich und eigen werden, bevor mich Europa wiederhaben würde.
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