Kapitel 6: Zurück nach Peking und drüber hinaus

+++ 15.6.: Meine Abreise aus Nordkorea und Eintreffen in China +++ 16.6.: Zurück in Peking +++ Gedanken sortieren sich: Reflexionen über die Volksrepublik Korea +++ Weiter nach Zentralasien +++


Am Morgen packte ich meine Sachen. Meine Wertgegenstände hatte ich wie gewohnt in meiner Bauchtasche verstaut – auch den Reisepass, den ich bereits am zweiten Tag in Pjöngjang zurückerhalten hatte. Ich frühstückte in einem der großen Speisesäle, checkte aus und traf mein Reisebegleitteam in der Lobby.


Alle begleiteten mich zum Bahnhof.

Der Reiseleiter fragte, ob ich nordkoreanisches Geld erwerben wolle. Ich tauschte einige Euro gegen ein paar Scheine und Münzen – kleine Erinnerungsstücke. Wir verabschiedeten uns höflich, und ich begab mich in mein Abteil. Der Zug fuhr los, doch meine Gedanken blieben noch in Nordkorea.


Am nächsten Vormittag erreichten wir Peking. Der Bahnhof war erfüllt von Geschäftigkeit. Menschenmengen bewegten sich wie ein Strom durch die Bahnsteige – ich wurde mitgerissen, Teil eines pulsierenden Gedränges. Inmitten dieser Masse musste ich meine aufkommende Panik unterdrücken. Nach zehn gefühlten, intensiven Minuten stand ich endlich außerhalb des Bahnhofs und nahm ein Taxi zum Hostel.


Ich verbrachte die Nacht in der Nähe des Flughafens. Mein Unbehagen gegenüber China war spürbar. Für mich war das Land lediglich Durchgangsstation gewesen – ein Mittel zum Zweck, um Nordkorea zu erreichen. Die Unterschiede zwischen den beiden Ländern beschäftigten mich tief.


Ein Gespräch mit Frau Kim ging mir nicht aus dem Kopf. Sie hatte erzählt, dass ihr Sohn nach dem Fußballspielen einmal nicht pünktlich nach Hause gekommen war. Ich fragte, ob das für sie eine beängstigende Erfahrung gewesen sei. Sie bejahte das – aus Sorge, er könnte auf einen Baum geklettert und verunglückt sein. Ob sie andere Ängste gehabt hätte, etwa dass ihm jemand etwas antun könnte, verneinte sie. Solche Sorgen gäbe es in Nordkorea nicht, sagte sie.


In einem anderen Gespräch hatte ich erwähnt, dass in Deutschland Depressionen eine Volkskrankheit seien. Frau Kim antwortete, sie habe das Wort schon einmal gehört. Für mich verdeutlichte das, wie groß der Unterschied im gesellschaftlichen Zusammenhalt ist – zwischen dem westlichen Lebensmodell und dem kollektiven Verständnis in Nordkorea.


In nordkoreanischen Städten wird das Leben in Blöcken organisiert. Dort wird Privatleben strukturiert und ein Bewusstsein für gemeinschaftliche Verantwortung geschaffen. Auf dem Land sind es die Kooperativen, die als kleine Einheiten agieren – unterstützt von der Stadtbevölkerung, wenn es nötig ist. „Wenn man essen will, muss man in einem Agrarland zusammenarbeiten“, sagte Frau Kim klar und bestimmt.


Viele staatliche Einrichtungen dienen der sportlichen Bewegung und künstlerischen Entfaltung. Körper und Seele stehen im Einklang – ein Kontrast zum deutschen Bildungssystem, in dem Schule oft zur Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt dient und Jugendkultur mit Vereinsamung und Entfremdung ringt.


Der öffentliche Raum in Nordkorea wird gepflegt und wertgeschätzt. Verwahrlosung, wie man sie in Deutschland oft erlebt, ist dort fremd. Die Menschen erkennen den Raum um sich als Teil ihres Lebens, nicht als anonyme Infrastruktur. Ich erinnere mich an eine Lichtinstallation in einem Park in Pjöngjang: ein filigraner Baum mit winzigen, leuchtenden Blüten. Vollkommen unbeschädigt. In deutschen Städten wäre eine solche Zier vermutlich nicht lange heil geblieben.


Natürlich kannte ich die üblichen Klischees über Nordkorea. Ein dysfunktionales Land, in dem Menschen ihre Individualität verlieren. Ich war bereit, solch eine Realität zu sehen. Ein Reisebericht hatte davon erzählt, dass das Fotografieren von obdachlosen Menschen verboten sei. Aber ich sah keinen einzigen Menschen, der verwahrlost wirkte. Ganz im Gegenteil – die Menschen waren gepflegt und trugen ihre Kleidung mit Bedacht. Pjöngjang und die besuchten Landesteile vermittelten mir den Eindruck eines gut organisierten Gemeinwesens.


Ich erinnerte mich jedoch auch an ein Gespräch im Hotel mit einer Reisenden aus München. Sie hatte den Norden der Volksrepublik besucht und berichtete, dass die Bergdörfer dort ohne Strom und fließendes Wasser auskommen müssten. Sie urteilte hart über die Zustände – das Land funktioniere nicht, sagte sie. Ich sah darin vielmehr die Tatsache, dass auch abgelegene Regionen für den Tourismus zugänglich sind. Ich hätte meine Reiseroute entsprechend anpassen können. Ohne Zweifel ist Nordkorea stark vom Wirtschaftsembargo betroffen. Doch gleichzeitig bemüht sich das Land darum, industriell aufzuschließen und in der Moderne anzukommen.


Meine weitere Reise führte mich nun hinaus aus dem chinesisch-koreanischen Raum. Es ging nach Zentralasien – in die Weite der Steppen, zu Gebirgen und Kulturen, die aus nomadischen Reitervölkern hervorgegangen sind. Nationen, die durch eine Wendung der Geschichte das gemeinsame Erbe der Sowjetunion in sich tragen. Den Flug hatte ich bereits in Hannover gebucht. Wie es danach weitergehen sollte, wollte ich mir unterwegs erschließen – Raum für spontane Ideen, für reisende Kreativität.