Hannoversche Nachrichten
Zwischen den Zeilen lesen.
Hinter die Kulisse sehen.
Seit Jahren verfolgen wir die Berichterstattung der Madsack‑Presse und beobachten eine Struktur, die politische und soziale Zusammenhänge systematisch reduziert. Meldungen erscheinen isoliert, Ursachen und Verantwortlichkeiten verschwinden, Konflikte werden entpolitisiert. Entscheidungen werden vermeldet und ihre Folgen bleiben unscharf. Die zentrale Diagnose lautet: Die Madsack‑Presse überführt strukturelle Konflikte in neutrale Verwaltungsrhetorik und erzeugt so ein Bild von Stadt, das die Routinen des Mediums stärker abbildet als die Realität.
Im Fokus steht die Analyse der sprachlichen Rahmungen, Auslassungen und Prioritäten, die diese Wirklichkeitskonstruktion tragen. Die Methode ist klar: Text, Kontext, Auslassung. Entscheidend ist nicht nur, was gesagt wird, sondern was durch die Darstellung ausgeschlossen wird. Benannt wird beides: das Sichtbare und das systematisch Unsichtbare.
Diese Struktur soll nicht auf eine einzelne Stimme beschränkt bleiben. Autoren, die präzise lesen und analytisch arbeiten, können sich gerne melden. Unterschiedliche Perspektiven erweitern die Analyse und machen sichtbar, was eine einzelne Sicht nicht vollständig erfassen kann. Maßgeblich ist Genauigkeit, nicht Konsens.
Die entstehende Gegenöffentlichkeit setzt auf methodische Klarheit statt Empörung. Ziel ist nicht Korrektur, sondern Durchsichtigkeit. Sie liest die Stadt als politisches System, das sich in Formulierungen, Prioritäten und Leerstellen zeigt – und macht diese Mechanismen sichtbar für alle, die bereit sind, genauer hinzusehen.
Stabile Oppositionsarbeit, ungewisse Zukunft, 28.05.2026
Anmerkungen zur Bilanzbroschüre der BSW-Fraktion der Region Hannover
Wer in den vergangenen Jahren die Regionspolitik verfolgt hat, dürfte die Namen Jessica Kaußen und Dr. Ulrich Wolf zumindest schon einmal gehört haben. Die beiden Regionsabgeordneten haben nun eine Broschüre vorgelegt, in der sie ihre politische Arbeit der vergangenen Jahre bilanzieren.
Darin präsentieren sie sich als konsequente Gegenstimme zum politischen Mainstream. Vor allem während der Corona-Zeit stellten sie sich gegen viele Entscheidungen von Politik und Verwaltung. Doch die Themen ihrer Bilanz reichen weit darüber hinaus. Die Broschüre beschäftigt sich mit steigenden Mieten, sozialen Problemen, hohen Energiekosten, der Zukunft der Krankenhäuser und den Folgen einer Politik, die nach Ansicht der Autoren häufig an den Lebensrealitäten vieler Menschen vorbeigeht.
Über Jahre hat die Fraktion Themen aufgegriffen, die viele Bürger beschäftigt haben. Gerade deshalb überrascht, wie wenig Aufmerksamkeit ihre Arbeit in der öffentlichen Debatte erhalten hat.
Die Bilanzbroschüre macht deutlich, dass sich Kaußen und Wolf nicht als Verwalter kommunalpolitischer Routine verstehen. Sie sehen sich als politische Mahner, die Missstände benennen, auch wenn ihre Positionen unbequem sind.
Gleichzeitig zeigt sich jedoch ein anderes Problem.
Während die Fraktion um Jessica Kaußen und Dr. Ulrich Wolf über Jahre kontinuierliche Oppositionsarbeit in der Region geleistet hat und ihre Bilanz nun öffentlich vorlegt, wird innerhalb des BSW inzwischen zunehmend über Machtfragen diskutiert. Kritiker werfen Teilen der aktuellen Parteiführung vor, wichtige Entscheidungen in einem engen Zirkel zu treffen und personelle Netzwerke über politische Inhalte zu stellen.
Besonders sichtbar wird dieser Konflikt an zwei parteiinternen Ausschlussverfahren. Die Verfahren sorgen innerhalb der Mitgliedschaft für Diskussionen und Unverständnis. Viele Mitglieder beklagen, dass die Gründe und Maßstäbe für die Verfahren nicht ausreichend nachvollziehbar seien. Dadurch sind Zweifel an Transparenz und innerparteilicher Demokratie entstanden.
Gerade dieser Konflikt wirkt auf viele Beobachter widersprüchlich. Einerseits verfügt das BSW in Hannover und der Region über erfahrene Kommunalpolitiker, die über Jahre kontinuierliche Oppositionsarbeit geleistet haben. Andererseits entsteht nach außen häufig der Eindruck einer Partei, die stärker mit internen Auseinandersetzungen als mit dem Aufbau einer schlagkräftigen politischen Alternative beschäftigt ist.
Das fällt umso mehr auf, weil die politischen Voraussetzungen eigentlich günstig erscheinen. Die Unzufriedenheit mit den etablierten Parteien ist auch in Hannover spürbar. Themen wie hohe Mieten, Inflation, Migration, überlastete Verwaltungen oder die Aufarbeitung der Corona-Jahre beschäftigen weiterhin viele Menschen.
Gerade daraus könnte eine Partei wie das BSW politischen Nutzen ziehen.
Doch politische Unzufriedenheit allein reicht nicht aus. Wer dauerhaft erfolgreich sein will, muss sichtbar sein, geschlossen auftreten und den Eindruck vermitteln, Verantwortung übernehmen zu können.
Genau daran bestehen derzeit Zweifel. Während einzelne Akteure bereits offen kommunalpolitische Mandate und Funktionen in Stadt und Region anstreben, fehlt bislang eine erkennbare gemeinsame Strategie. Statt Aufbruchsstimmung entsteht vielerorts der Eindruck von Uneinigkeit und organisatorischer Trägheit.
Dabei geht es längst um mehr als die Zukunft einer einzelnen Fraktion. Die Bilanzbroschüre zeigt, dass es in der Region Hannover politische Stimmen gibt, die über Jahre Themen angesprochen haben, die viele Bürger bewegt haben.
Die Herausforderung für das BSW besteht nun darin, aus dieser politischen Substanz etwas Dauerhaftes zu machen. Gelingt es nicht, interne Konflikte zu überwinden und klare politische Antworten zu formulieren, droht die Partei hinter ihren eigenen Möglichkeiten zurückzubleiben.
Die Broschüre von Kaußen und Wolf erinnert deshalb nicht nur an die Arbeit zweier Regionsabgeordneter und deren Mitarbeiter. Sie wirft auch eine Frage auf, die weit über die Region Hannover hinausreicht:
Kann eine Partei, die angetreten ist, den etablierten Politikbetrieb herauszufordern, ihre eigenen Macht- und Strukturprobleme rechtzeitig lösen?
Die Antwort darauf dürfte mitentscheiden, welche Rolle das BSW bei den kommenden Kommunalwahlen spielen wird. Denn politische Glaubwürdigkeit entsteht nicht allein durch Kritik am Bestehenden. Sie entsteht auch durch den Umgang mit den eigenen Strukturen. AB
Zur Jugendkriminalitätsstudie, 19.05.2026:
Wenn die Studie strukturell denkt – und der Bericht sie wieder entpolitisiert
Die neue Untersuchung des Landeskriminalamts Niedersachsen zeigt deutlich, wie eng Jugendkriminalität mit sozialen Bedingungen verknüpft ist. Sie benennt Armut, fehlende Infrastruktur, instabile Lebenslagen und institutionelle Erfahrungen als zentrale Faktoren. Doch wer den HAZ‑Bericht dazu liest, bekommt ein anderes Bild: Die strukturelle Analyse wird in eine vertraute, harmlose Erzählung zurückübersetzt. Aus politisch erzeugten Bedingungen werden „benachteiligte Landkreise“. Aus systemischen Ursachen werden individuelle Defizite. Aus einer klaren Diagnose wird ein weichgespülter Befund.
Die Studie sagt: Jugendkriminalität entsteht dort, wo soziale Stabilität fehlt.
Der Bericht macht daraus: „Je ungünstiger die wirtschaftliche Lage, desto höher die Kriminalität.“
Das klingt, als handle es sich um ein Naturgesetz. Tatsächlich beschreibt die Studie aber die Folgen politischer Entscheidungen: jahrelange Unterfinanzierung kommunaler Infrastruktur, Abbau von Jugendräumen, prekäre Wohnlagen, fehlende Sozialarbeit. Diese Ursachen tauchen im Bericht nur als Hintergrundrauschen auf – nicht als das, was sie sind: strukturelle Versäumnisse. Dabei hat gerade die Corona‑Pandemie diese Versäumnisse nicht nur verstärkt, sondern überhaupt erst sichtbar gemacht: Der Ausfall von Schulen, Jugendhilfe und öffentlichen Räumen hat die ungleichen Voraussetzungen zwischen den Landkreisen brutal offengelegt.
Auch die Rolle staatlicher Institutionen wird im HAZ‑Text entschärft. Die Studie betont, wie wichtig die Wahrnehmung von Fairness und Transparenz ist. Jugendliche orientieren sich an der Legitimität von Polizei, Schule und Verwaltung. Negative Erfahrungen können Normbindung schwächen. Im Bericht erscheint dieser Befund als pädagogischer Hinweis – nicht als institutionelle Verantwortung. Die Frage, wie staatliches Handeln Vertrauen zerstören kann, bleibt ausgeblendet.
Besonders auffällig ist die Darstellung der Freizeit‑ und Sozialräume. Die Studie macht klar: Fehlende Angebote sind ein Risikofaktor. Nicht, weil Jugendliche „beschäftigt werden müssen“, sondern weil öffentliche Räume, Jugendzentren und Vereine präventive Infrastruktur sind. Der Bericht reduziert das auf „Langeweile, Frust und Medienkonsum“. Die politische Dimension – jahrelange Einsparungen, geschlossene Einrichtungen, vernachlässigte Stadtteile – verschwindet.
Stattdessen rückt der Artikel individuelle Eigenschaften in den Vordergrund: Impulsivität, geringe Selbstkontrolle, Aggressionsneigung. Die Studie nennt diese Faktoren zwar, aber ausdrücklich im Zusammenspiel mit sozialen Bedingungen. Der Bericht verschiebt die Gewichtung: Die Struktur tritt zurück, die Persönlichkeit tritt hervor. So entsteht der Eindruck, Jugendkriminalität sei vor allem eine Frage individueller Disposition – nicht der Lebensbedingungen, die sie verstärken oder abfedern.
Am Ende bleibt ein vertrautes Muster: Die Studie liefert eine komplexe, systemische Analyse. Der Bericht übersetzt sie in eine Erzählung, die niemandem wehtut. Die politischen Ursachen verschwinden hinter neutralen Formulierungen. Die Verantwortung wird entkonkretisiert. Die strukturellen Befunde werden in pädagogische Allgemeinplätze verwandelt.
Dabei zeigt die Studie etwas anderes: Jugendkriminalität ist ein Indikator für die Qualität sozialer Infrastruktur.
Wo Familien unter Druck stehen, Schulen überlastet sind, Jugendräume fehlen und Institutionen Vertrauen verlieren, steigen die Risiken. Das ist kein moralisches Urteil über Jugendliche, sondern eine Diagnose über das System.
Wer das ernst nimmt, muss über politische Prioritäten sprechen – nicht über „benachteiligte Landkreise“.
Die Studie tut das.
Der Bericht nicht. AB
Zum Enercity-Millionendeal, 18.05.2026:
Enercity–Thüga: Ein Millionengeschäft im Dunkeln – und plötzlich taucht das BSW auf
Zwischen Enercity und der Thüga läuft gerade ein Geschäft, bei dem es um viele Millionen Euro geht. Beide Unternehmen wollen gegenseitig Anteile verkaufen. Trotzdem weiß die Öffentlichkeit bisher erstaunlich wenig darüber. Dabei soll die Regionsversammlung dem Geschäft zustimmen.
Offiziell heißt es, Enercity und Thüga wollten ihre gegenseitigen Beteiligungen „entflechten“. Übersetzt bedeutet das: Beide Seiten wollen unabhängiger voneinander werden und ihre finanzielle Aufstellung neu ordnen.
Was genau dahinter steckt, bleibt aber weitgehend offen. Es ist nicht bekannt, wie die Anteile bewertet wurden, welche Seite am meisten profitiert oder welche langfristigen Folgen das Geschäft haben könnte.
Dabei geht es nicht um irgendein Unternehmen. Enercity gehört über die VVG mehrheitlich der öffentlichen Hand. Die VVG wiederum gehört zu rund 80 Prozent der Stadt Hannover und zu rund 20 Prozent der Region Hannover. Die Gewinne von Enercity sind wichtig für die kommunalen Finanzen. Über den sogenannten Querverbund helfen sie unter anderem dabei, den öffentlichen Nahverkehr mitzufinanzieren.
Deshalb stellen sich ganz praktische Fragen:
Hat das Geschäft später Auswirkungen auf die Einnahmen von Stadt und Region? Könnte es irgendwann Folgen für Busse und Bahnen geben? Oder ist die ganze Sache am Ende völlig unproblematisch?
Im Moment kann das niemand wirklich beantworten, weil zentrale Informationen fehlen.
Genau das sorgt für Kritik. Denn obwohl es um ein wichtiges kommunales Unternehmen geht, findet bisher kaum eine öffentliche Debatte statt. Viele Details bleiben unter Verschluss, trotzdem soll die Politik entscheiden.
An diesem Punkt meldet sich das Bündnis Sahra Wagenknecht zu Wort. Der Regionsabgeordnete Ulrich Wolf kritisiert vor allem die fehlende Transparenz. Sein Vorwurf lautet nicht, dass das Geschäft automatisch schlecht sei. Er fragt vielmehr, wie Politik und Öffentlichkeit etwas bewerten sollen, wenn wichtige Informationen gar nicht bekannt sind.
Bemerkenswert ist auch die politische Wirkung. In der hannoverschen Kommunalpolitik bestimmen normalerweise Verwaltung und große Fraktionen die öffentliche Debatte. Kleinere Parteien tauchen oft kaum auf. Diesmal äußerte sich jedoch sonst fast niemand öffentlich — und genau dadurch wurde plötzlich das BSW sichtbar.
Vielleicht gibt es gute Gründe für das Geschäft. Vielleicht ist es sogar wirtschaftlich sinnvoll. Aber solange niemand offen erklärt, was genau geplant ist und welche Folgen das haben könnte, bleibt bei vielen Menschen ein ungutes Gefühl zurück.
Denn am Ende bleibt eine einfache Frage:
Wie soll Vertrauen entstehen, wenn bei einem Millionengeschäft kaum jemand erklärt, was eigentlich passiert? AB
Warum die HAZ den 8. Mai ignoriert – und was das über Hannover und seine Erinnerungskultur verrät
Der 8. Mai markiert das Ende des nationalsozialistischen Staates und die Befreiung der Überlebenden aus Lagern und Zwangsarbeit – die Voraussetzung dafür, dass die Bundesrepublik überhaupt entstehen konnte. Trotzdem bleibt dieser Tag in der HAZ weitgehend unsichtbar. Das liegt nicht an seiner Bedeutung, sondern an der Struktur des Blattes: Die HAZ berichtet nur, wenn sich ein Thema lokal verankern lässt, und der 8. Mai verweigert diese Verengung. Er zwingt dazu, die hannoversche Verantwortungsgeschichte zu betrachten – die Rolle der Industrie, die Zwangsarbeit in Ahlem, Limmer, Misburg und Stöcken, die Lager, die Profiteure. Genau diese Perspektive meidet die HAZ. Sie bevorzugt ritualisierte Erinnerung, aber nicht die Frage, warum diese Rituale überhaupt nötig sind.
Für viele Frauen, die Familiengeschichten, Fotos und Überlebenslinien weitertragen, ist der 8. Mai kein abstrakter Jahrestag, sondern ein Tag, an dem die verdrängte Geschichte ihrer Großmütter und Urgroßmütter wieder hörbar wird. Gerade Frauen, die in Familien die Erinnerung tragen, die Fotos bewahren und die Geschichten der Überlebenden weitergeben, werden in dieser Form der Erinnerungskultur unsichtbar gemacht.
Wie eng die Grenzen des Gedenkens in Hannover gezogen werden, zeigte sich 2025, als Menschen, darunter mehrere Frauen, die das Georgsband trugen, von einer Gedenkstätte entfernt wurden. Das Band ist ein historisches Symbol der sowjetischen Kriegsopfertradition, rechtlich unproblematisch, getragen von Menschen, deren Familiengeschichte eng mit der Befreiung verbunden ist. Die Polizei griff trotzdem ein. Die HAZ schwieg. Nicht aus Versehen, sondern weil dieser Vorfall alles sichtbar gemacht hätte, was die Zeitung vermeidet: die sowjetische Rolle bei der Befreiung, die postsowjetischen Communities in Hannover, die politische Spannung zwischen Geschichte und Gegenwart, die Frage, wer in dieser Stadt wie erinnern darf.
Ein weiteres Beispiel für diese selektive Erinnerungspolitik ist der Ehrenfriedhof am Maschsee. Das Denkmal wurde 1945/46 mit einem Sowjetstern bekrönt, entworfen von einem sowjetischen Bildhauer. 1952 ließ die Stadt den Stern entfernen – eine Entscheidung im Klima des frühen Kalten Krieges, die bis heute nicht rückgängig gemacht wurde. Im Rat wurde die Frage nach dem Stern mehrfach gestellt, vor allem aus dem linken Spektrum: Warum erklärt die Stadt die historische Entfernung nicht, und warum wird nicht geprüft, das ursprüngliche Befreiungssymbol wieder sichtbar zu machen? Die Verwaltung antwortete ausweichend. Eine Wiederanbringung sei „nicht vorgesehen“, man wolle „keine politischen Symbole hinzufügen“, und die Entfernung von 1952 sei „bekannt“, aber „nicht Gegenstand aktueller Planungen“. Damit blieb die zentrale Frage – warum Hannover ein Befreiungssymbol entfernt hat und warum es bis heute fehlt – unbeantwortet.
Besonders irritierend ist, dass der entfernte Sowjetstern keineswegs verschwunden ist. In einer Fotoausstellung im Neuen Rathaus war das Original zu sehen – als museales Objekt, das man betrachten darf, solange es politisch folgenlos bleibt. Die Stadt zeigt den Stern im Ausstellungsraum, aber nicht am Ort, an den er gehört. Sichtbar wird er nur dort, wo er nichts bedeutet. Im öffentlichen Raum dagegen bleibt er entfernt, und die Frage nach seiner Wiederanbringung wird seit Jahrzehnten abgeblockt. Die HAZ begleitete diese Prozesse administrativ, aber ohne die politische Dimension zu benennen. Sie berichtete über Beschlüsse, nicht über Bedeutungen.
Auch in diesem Jahr bleibt die HAZ auf Abstand. Sie veröffentlicht lediglich einen Terminkasten, der mehrere Gedenkveranstaltungen aufzählt – ohne Einordnung, ohne Kontext, ohne Bedeutung. Der 8. Mai erscheint darin nicht als Tag der Befreiung, sondern als Datum im Veranstaltungskalender. Der Hinweis ersetzt keine Berichterstattung, sondern markiert das Ausweichen: Die HAZ erfüllt die formale Pflicht, ohne sich inhaltlich mit dem Tag zu befassen. Und die Prioritäten der Redaktion werden noch deutlicher, wenn man die heutige Sonntagsausgabe danebenlegt: Dort berichtet die HAZ ausführlich über die Nichtteilnahme Russlands am Eurovision Song Contest – ein folgenloses Unterhaltungsthema –, während sie die historische Rolle der Sowjetunion am 8. Mai vollständig ausblendet. Russland ist für die HAZ offenbar dann sichtbar, wenn es harmlos ist, und unsichtbar, wenn es historisch relevant wäre.
Und selbst dort, wo öffentlich gesprochen wird, bleibt Entscheidendes ungesagt. Dass selbst Oberbürgermeister Belit Onay auf dem Podium stand und die Rolle der Sowjetunion in seinem Beitrag zur Erinnerungskultur nicht einmal erwähnte, macht die Leerstelle noch deutlicher: Das Schweigen ist nicht zufällig, sondern strukturell.
Der 8. Mai ist historisch untrennbar mit der Sowjetunion verbunden, und diese Tatsache kollidiert nach wie vor mit der politischen Bewertung Russlands. Diese Spannung auszuhalten, wäre Aufgabe eines Mediums, das Erinnerung ernst nimmt. Die HAZ aber bevorzugt konfliktarme Erzählungen. Sie müsste erklären, dass historische Anerkennung keine Zustimmung zur Gegenwartspolitik bedeutet und dass die Sowjetunion nicht das heutige Russland ist. Sie müsste erklären, dass Befreiung nicht nur ein militärischer Akt war, sondern ein Überleben, das oft von Frauen getragen wurde, deren Perspektiven in der hannoverschen Öffentlichkeit kaum vorkommen. Genau diese Differenzierung aber liegt außerhalb ihres Selbstverständnisses.
Der 8. Mai ist für die HAZ zu groß, zu politisch, zu eindeutig. Er sprengt das redaktionelle Raster, das Konflikte nur dann zulässt, wenn sie folgenlos bleiben. Ein Tag, der die historische Verantwortung der Stadt sichtbar macht, lässt sich nicht in das übliche Lokalformat pressen. Er verlangt eine Auseinandersetzung mit Macht, mit Profiten, mit Kontinuitäten – und mit der Frage, warum bestimmte Geschichten in Hannover erzählt werden und andere nicht. Genau diese Auseinandersetzung verweigert die HAZ. AB
01.05.2026: Artikel zum Hotel Royal
Journalistische Bequemlichkeit als Abrissbirne
Der jüngste HAZ‑Beitrag zum ehemaligen Hotel Royal arbeitet mit einer Formulierung, die mehr über journalistische Routine verrät als über den tatsächlichen Zustand des Gebäudes. „Wo heute die Sparda‑Bank steht, stand früher das Hotel Royal“ – ein Satz, der einen Abriss suggeriert, den es nie gegeben hat. Das Gebäude wurde nicht ersetzt, sondern weitergenutzt. Die Sparda‑Bank sitzt im Hotel Royal, nicht an seiner Stelle. Dass ausgerechnet eine Denkmalserie ein erhaltenes Gebäude sprachlich in die Kategorie der verschwundenen Bauten verschiebt, ist bemerkenswert. Es zeigt, wie schnell historische Kontinuität durch unpräzise Sprache unsichtbar wird. Der Ernst‑August‑Platz hat reale Verluste erlitten: Die Zerstörung großer Teile der Platzrandbebauung im Zweiten Weltkrieg, den Verlust der Laves’schen Platzgestaltung, den Abriss mehrerer Nachkriegsbauten zugunsten großmaßstäblicher Neubauten und das Verschwinden der kleinteiligen Hotel‑ und Gewerbestruktur, die den Ort einst prägte. All das sind tatsächliche Brüche der Stadtgeschichte. Das Hotel Royal gehört nicht dazu. Es ist einer der wenigen verbliebenen Bauten, die die Entwicklung des Platzes über mehr als 150 Jahre hinweg überstanden haben. Eine korrekte Darstellung wäre trivial gewesen: Das heutige Gebäude der Sparda‑Bank wurde um 1860 als Hotel Royal errichtet und später umgenutzt. Dass die HAZ stattdessen eine Formulierung wählt, die den Erhaltungszustand verschleiert, ist kein Randproblem, sondern ein Beispiel dafür, wie sprachliche Bequemlichkeit historische Substanz verzerrt. Wer über Denkmale schreibt, sollte nicht ausgerechnet jene Gebäude zum Verschwinden bringen, die noch stehen. AB
06.04.2026: Artikel zum „Wildpinkeln“:
Speziallack ist keine Sozialpolitik - wenn Technik Symbolpolitik ersetzen soll
Am Gerichtsgebäude an der Fernroder Straße hinter dem Hauptbahnhof soll ein Speziallack gegen Wildpinkeln angebracht werden. Der HAZ‑Bericht von Christian Bohnenkamp beschreibt Geruch und Verschmutzungen und nennt den Drogentreff „Stellwerk“ als Hintergrund. Er zitiert Stadt und Gerichtsverwaltung, die über Belastungen sprechen. Was fehlt, ist eine Erklärung, warum es diese Probleme überhaupt gibt.
Begriffe wie „Wildpinkler“ oder „Klientel des Drogentreffs“ bleiben bewusst unscharf. Sie beschreiben einzelne Handlungen, aber nicht die Hintergründe. Drogensucht entsteht nicht zufällig. Sie ist ein Produkt der Verhältnisse: Armut, Druck, Ausgrenzung, mangelhafte Bildungspolitik. Das ist das eigentliche Problem – nicht der Ort, an dem dies sichtbar wird.
Die sichtbaren Verhältnisse sind nur die Form, in der diese Bedingungen nach außen treten. Der Bericht zeigt die Stadt als Verwalterin von Maßnahmen, nicht als Teil der Strukturen, die diese Lage hervorbringen. Dass nun Geld in einen Speziallack fließt, statt in Maßnahmen, die an den Ursachen ansetzen, zeigt genau dieses Muster: Es wird an der Oberfläche gearbeitet, nicht an den Zusammenhängen.
Die Lösung heißt: Verhältnisse ändern, nicht Fassaden überpinseln. AB
04.04.2026: Artikel zum Ostermarsch:
Ein politisches Anliegen im Bericht verschwindet – Ostermarsch 2026
Ostermarsch 2026: Politisches Anliegen im Bericht kaum erkennbar
Beim Ostermarsch 2026 stand erneut ein politisches Anliegen im Mittelpunkt: Kritik an Aufrüstung und die Forderung nach politischen Lösungen. Vor Ort war diese Ausrichtung klar sichtbar. Im Bericht von Christian Bohnenkamp bleibt sie jedoch weitgehend ausgeblendet.
Der Artikel nennt eine Sprecherin aus Kirchenkreisen, lässt aber offen, welche Gruppen den Ostermarsch politisch tragen. Organisierte Akteure werden nicht benannt; stattdessen erscheinen Kategorien wie „Ältere“ und „Jüngere“. Das verschiebt die Wahrnehmung von einer politisch strukturierten Veranstaltung hin zu einer beliebigen Spaziergangsgruppe.
Die zitierte Sprecherin äußert Positionen, die im gesellschaftlichen Mainstream anschlussfähig sind. Die politisch deutlicheren Reden, die im Anschluss gehalten wurden, fehlen im Bericht nahezu vollständig.
Auffällig ist zudem, dass weder Parteien noch Trägergruppen erwähnt werden. Die Darstellung vermeidet politische Zuordnung und blendet damit auch Verantwortung aus. AB
27.03.2026: Artikel zum Karfreitagsgefecht:
Karfreitagsgefecht und der jährliche Gedenkmarsch
Der HAZ‑Artikel von Peer Hellerling über den Gedenkmarsch zum Karfreitagsgefecht wirkt wie eine harmlose Lokalnachricht: 230 Soldaten, 16 Kilometer, 16 Kilogramm Gepäck, dazu Route und Andacht. Genau diese Harmlosigkeit ist das Problem. Der Text zeigt ein militärisches Ritual, sagt aber nicht, warum es dieses Ritual überhaupt gibt. Beim Karfreitagsgefecht am 2. April 2010 wurden drei deutsche Soldaten getötet und mehrere weitere schwer verletzt. Das war kein einzelner Vorfall, sondern ein Wendepunkt im deutschen Afghanistan‑Einsatz. Karl‑Theodor zu Guttenberg sprach damals erstmals von „kriegsähnlichen Zuständen“. Thomas de Maizière nannte das Gefecht später eine Zäsur für Armee und Gesellschaft.
Diese Aussagen zeigen, dass der politische Rahmen des Einsatzes schon damals brüchig war. Über Jahre wurde der Afghanistan‑Einsatz als Stabilisierung und Aufbau dargestellt. Das Karfreitagsgefecht machte sichtbar, dass deutsche Soldaten längst in einem Krieg standen, den die Politik nicht offen benennen wollte. 2021 endete der Einsatz abrupt, als die Taliban innerhalb weniger Tage die Kontrolle über das Land übernahmen. Viele der aufgebauten Strukturen brachen zusammen. Damit stellt sich die Frage, was dieser Einsatz tatsächlich bewirkt hat, welche politischen Entscheidungen ihn getragen haben und wer für die Folgen Verantwortung trägt.
Der HAZ‑Artikel lässt all das weg. Er erwähnt zwar die drei gefallenen Fallschirmjäger, aber ohne den politischen Zusammenhang ihres Todes zu benennen. Er beschreibt den Marsch, aber nicht die politischen Entscheidungen, aus denen er hervorgeht. Er übernimmt die Sicht der Bundeswehr und blendet die Gesellschaft aus. Die Zäsur, von der de Maizière sprach, bleibt unsichtbar. Die Verantwortung, die in Guttenbergs Formulierung „kriegsähnliche Zustände“ steckt, wird nicht angesprochen. Der Zusammenbruch Afghanistans 2021 kommt nicht vor. Auch die Frage, wie Deutschland mit Veteranen umgeht und welche Lücken es gibt, wird nicht gestellt. In einer Zeit, in der politische Debatten zunehmend auf „Kriegstüchtigkeit“ verengt werden, wirkt diese Art der Berichterstattung wie eine Fortsetzung derselben Entpolitisierung: Militärische Rituale stehen im Mittelpunkt, die politischen Entscheidungen dahinter bleiben unsichtbar.
So entsteht ein Text, der das Gedenken entpolitisiert. Er lenkt den Blick weg von den Entscheidungen, die zu diesem Einsatz führten, und hin zu den Ritualen, die seine Folgen verwalten. Die Form wird gezeigt, der Inhalt bleibt unsichtbar – und damit auch die Verantwortung. AB
25.03.2026: Artikel zur Neustrukturierung des Raschplatzes:
Raschplatz – ein Ort, der kein Platz ist und einer sein soll
Der Raschplatz ist wieder in der Zeitung. Nicht, weil sich etwas verändert hätte, sondern weil Hannover erneut versucht, ein strukturelles Problem mit einem 250.000‑Euro‑Graffito zu übertünchen. Die HAZ diskutiert die Kosten, als ginge es um ein Kunstprojekt. Dabei ist das Graffito nur der neueste Versuch, einen Ort zu beruhigen, den die Stadt seit Jahrzehnten nicht versteht.
Städtebaulich ist der Raschplatz kein Platz, sondern ein Produkt einer miserablen Verkehrsplanung. Ein Zwischenraum, der nie für Menschen gedacht war. Und genau deshalb wird er zum Aufenthaltsort für diejenigen, für die Hannover keinen anderen Ort hat. Die Stadt schafft keinen Raum – also entsteht Raum dort, wo er nicht vorgesehen ist. Diese Widersprüchlichkeit ließe sich auflösen, wenn man zuerst die Frage beantwortete, was dieser Ort überhaupt sein soll: Aufenthaltsraum oder Durchgangsraum. Beides gleichzeitig funktioniert nicht. Eine klare Entscheidung wäre die erste Lösung.
Die zweite Widersprüchlichkeit zeigt sich in den Menschen, die dort sind. Am Raschplatz konzentriert sich eine offene Szene aus Menschen ohne festen Wohnsitz, Menschen mit Suchterkrankungen und Menschen, die schlicht keinen anderen Ort haben. Sie sind sichtbar, weil sie keinen Rückzugsraum haben. Und gleichzeitig unsichtbar, weil die Stadt sie in ihren Konzepten nicht mitdenkt. Wer diese Realität verändern will, braucht keine Graffiti, sondern Wohnraum. Housing‑First wäre die naheliegende Lösung – nicht als Pilotprojekt, sondern als Strategie. Solange Menschen keinen Wohnraum haben, werden sie öffentliche Räume nutzen müssen. Das ist keine moralische Frage, sondern eine logische.
Die HAZ beschreibt Maßnahmen, aber nicht Mechanismen. Sie beschreibt Farbe, nicht Politik. Projekte, nicht Prioritäten. Oberflächen, nicht Strukturen. Die Stadt reagiert wie immer: Ankündigungen, Prüfaufträge, Visualisierungen. Am Ende passiert wenig, außer dass ein weiterer Entwurf in einer Schublade landet. Dabei wäre die Lösung banal: kontinuierliche, niedrigschwellige Sozialarbeit vor Ort, nicht als Feigenblatt, sondern als Infrastruktur. Sie würde die Szene stabilisieren, Konflikte reduzieren und den Ort entlasten – ohne die Illusion, dass Kontrolle soziale Probleme ersetzt.
Hannover versucht, den Raschplatz gleichzeitig zu beruhigen, zu beleben, zu verschönern, zu entlasten und zu kontrollieren. Das ist nicht ambitioniert, sondern widersprüchlich. Ein Ort kann nicht alles sein. Und Menschen können nicht gleichzeitig verdrängt und integriert werden - schon gar nicht mit gemeinsamen Kunstprojekten. Wer den Raschplatz „aufwerten“ will, ohne die sozialen Realitäten mitzudenken, wertet nur die Fassade auf – und lässt die Ursachen unangetastet.
Das 250.000‑Euro‑Graffito ist deshalb kein Skandal. Es ist ein Symptom. Ein ästhetischer Eingriff in einen Raum, dessen Konflikte nicht ästhetisch sind. Ein Bild über ein Problem, das sich nicht übermalen lässt. Die eigentliche Lösung wäre politisch: Wohnraum schaffen, Alternativen bereitstellen, soziale Präsenz sichern und endlich entscheiden, was dieser Ort sein soll.
Die HAZ schreibt über Kunst. Zwischen den Zeilen steht: Hannover hat sich an Provisorien gewöhnt. Hinter der Kulisse sieht man: Der Raschplatz ist nicht der Ort, der versagt. Es ist die Stadt – und ihre Weigerung, anzuerkennen, dass man soziale Realität nicht wegplanen kann. AB