Kapitel 12: Sonnenaufgang über dem schwarzen Meer

+++ 14.7.: Mit dem Bus Richtung Türkei +++ Bei Batumi über die türkische Grenze +++ Sonnenaufgang über dem Schwarzen Meer +++ 15.7.: Ankunft in Ankara +++ Begegnung mit Cyrille +++ Cyrille zeigt mir Ankara +++

In Tiflis bestieg ich einen großen, modernen Reisebus. 


Elegant gekleidete Servicekräfte reichten während der Fahrt Kaffee und Tee. Alle drei bis vier Stunden stoppte der Bus, um Fahrgäste aufzunehmen oder an Raststätten Halt zu machen. Die Fahrt zog sich tagsüber durch das malerische Georgien.

Gegen Mitternacht erreichten wir Batumi und damit das Schwarze Meer.

Kurz darauf überquerten wir die türkische Grenze. Die Strecke führte kilometerweit direkt am Meer entlang. In der Frühe erstrahlte ein wunderschöner Sonnenaufgang über dem Wasser.

In der Türkei fielen mir riesige Sonnenblumenfelder auf. Die Landschaft war hügelig und saftig grün – eine eindrucksvolle Kulturlandschaft.

Gegen Mittag erreichte der Bus Ankara. Wie gewohnt nahm ich ein Taxi zu meiner Unterkunft. Diesmal hatte ich ein Hotel mit Frühstück gebucht – ich wollte allein sein und mich auf etwas Service freuen. Im Hotel angekommen, musterte mich ein Mitarbeiter prüfend. Ich hatte das Gefühl, ihm lästig zu sein. Er behauptete zunächst, es läge keine Reservierung vor. Erst die Buchungsbestätigung auf meinem Handy veranlasste ihn widerwillig, sich um ein Zimmer zu kümmern. Dieses musste erst hergerichtet werden. Ich wartete in der Lobby.

Müde sank ich in einen Sessel. Am gegenüberliegenden Tisch arbeitete ein Mann an seinem Laptop. Er sah freundlich aus und bot mir Aprikosen aus einer Schale an. Es war Cyrille.

Unsere erste Begegnung war kurz. Ich nahm eine Aprikose und wartete auf mein Zimmer, das schließlich bereitgestellt wurde. Doch meine Stimmung besserte sich nicht. Das Zimmer war klein und schmuddelig, die Fenster zu hoch zum Hinausschauen. Ein Ausblick war offenbar nicht vorgesehen. Alles wirkte wie ein Käfig. Der Wunsch, die Reise hier zu beenden und nach Hause zurückzukehren, verstärkte sich. Ich versuchte, über mein Handy einen Rückflug zu buchen – doch das WLAN war instabil.

Ich unternahm an diesem Tag nichts weiter, legte mich ins Bett und hoffte, die Nacht würde helfen. Am nächsten Morgen entschädigte mich ein wunderschönes Frühstück. Ich fühlte mich bereit, Ankara zu erkunden. Das Hotel lag zentrumsnah, und ich nahm die Atmosphäre der Stadt auf. Ankara hat über fünf Millionen Einwohner – eine lebendige Metropole, die mir zunehmend gefiel. Trotz ihrer Größe wirkten die Menschen entspannt. Auch hier spielten Männer in der Öffentlichkeit Backgammon oder Domino – ganz versunken in ihr Spiel.

Ein Pflichtbesuch in Ankara ist das Atatürk-Mausoleum. Es strahlt in schlichter Eleganz die Bedeutung des Staatsgründers aus. Der Platz davor öffnet sich auf einem Hügel mit Blick über die Stadt.

Am Abend machte ich es mir in einem Lokal gemütlich, in dem Bier mit Popcorn serviert wurde.

Am nächsten Morgen traf ich Cyrille im Frühstücksraum wieder. Er bot mir spontan eine Stadtführung an. Cyrille ist Franzose, Anfang sechzig, und im Filmgeschäft tätig. Vor einigen Jahren war er in die Türkei eingewandert und lebt nun an der Küste des Schwarzen Meers. Wir unterhielten uns wunderbar über unsere Reisen. Er berichtete, dass er jeweils ein halbes Jahr unterwegs und ein halbes Jahr in seinem Heimatort lebt. In Ankara war er nur zu Besuch, kannte die Stadt aber gut.

Es war der 17. Juli, und ich verbrachte einen herrlichen Tag mit meinem Reisebegleiter. Cyrille zeigte mir ältere Stadtteile, die die Millionenstadt nicht erahnen ließen: Gassen, kleine Geschäfte, ein ruhiger Rhythmus. 

In einem Café spielten wir bei Tee mehrere Partien Backgammon.

Danach stiegen wir auf einen Hügel, auf dessen Spitze eine Zitadelle thront. Von dort überblickten wir die Stadt – ein Meer aus Häusern und Hochhäusern.

Der Rückweg führte über steile Kopfsteinpflastergassen zurück ins Zentrum.

Wir besuchten einen Basar. Der angebotene Käse roch intensiv. 

Am Nachmittag setzte ein angenehmer Sommerregen ein, der nach langer Trockenheit einen wunderbaren Hauch von Petrichor verbreitete. Später spazierten wir durch einen kleinen Park und beobachteten die Menschen bei ihrem Alltag. Auch hier wirkte alles ruhig und entspannt – ohne die Hektik, die man einer Großstadt mit fünf Millionen Menschen unterstellen würde. 

Cyrille und ich verabschiedeten uns bei einem Abendessen. Am nächsten Tag setzte ich meine Reise fort.

Ich war froh, die Reise nicht vorzeitig beendet zu haben. Die Begegnung mit Cyrille und die ganz andere türkische Kultur waren ein echter Erkenntnisgewinn. Die Menschen sind sich ihrer historischen Wurzeln bewusst und blicken auf eine jahrhundertealte, eigenständige Entwicklung zurück. Cyrilles angenehme Art, mir Stadt und Menschen näherzubringen, hatte mein Herz geöffnet. Es fühlte sich wie eine kleine Auszeit von meiner eigenen Reise an. Doch nach über sechs Wochen unterwegs spürte ich: Die Rückkehr nach Europa ließ sich nicht mehr aufhalten.