Zurück zu Kapitel 12:
https://www.annetteboll.de/auszeit-vom-kapitalismus/kapitel-12/
Kapitel 13: Zurück in Europa: Sofia - Prag - Im Westen von Hannover
+++ 18.7.: Aufbruch nach Europa: Mit dem Bus über Istanbul nach Sofia +++ 19.7.: In Sofia +++ Ein Schwabe aus den Philippinen +++ 21.7.: Mit dem Bus nach Prag +++ 22.7.: Treffen mit Kai in Prag +++ 23.7.: Abschlussfahrt: Mit dem Bus nach Hannover +++ 24.7.: Wieder in Hannover und mit dem Taxi nach Hause +++
Der Busbahnhof in Ankara war modern und großzügig angelegt. Dutzende Reisebusse warteten auf ihre Fahrgäste. Die Fahrt führte zunächst durch die Hochhauskulisse der Stadt, dann weiter Richtung Istanbul.
Wir verließen Ankara am späten Vormittag und erreichten den Bosporus etwa sechs Stunden später.
Mit der Überquerung der Meerenge war ich nun auch geographisch wieder in Europa angekommen. In Istanbul wechselte ich den Bus – nun ging es direkt weiter nach Sofia. Am Morgen des 19. Juli erreichte ich die bulgarische Hauptstadt.
Ich hatte mich in einem Hostel eingemietet. Eine Zimmernachbarin aus Australien war bereits seit sechs Monaten auf Weltreise. Ich erkundete Sofia wie gewohnt zu Fuß. In einem Café setzte ich zum ersten Mal seit meinem Abflug aus Hannover meine SIM-Karte wieder ins Handy ein. Es war ein seltsames Gefühl, nun wieder dauerhaft mit meinen Liebsten verbunden zu sein.
Sofia wirkte im Vergleich zu allen bisherigen Stationen ärmlich und ungepflegt. Es fehlte an architektonischer Eleganz. Viele Menschen schienen kein Obdach zu haben und lebten unter freiem Himmel.
Ein herausragendes Bauwerk war die Alexander-Newski-Kathedrale – ein monumentales Zeugnis des orthodoxen Glaubens.
Am Nachmittag kehrte ich ins Hostel zurück. In der Küche begegnete ich Peter, einem fünfzigjährigen Schwaben, der seit über zwanzig Jahren auf den Philippinen lebt. Er wollte in Bulgarien ein Haus erwerben – vielleicht für den Ruhestand. Später gesellte sich ein ungleiches Paar zu uns: ein Pakistaner mittleren Alters und eine junge Bulgarin. Zu viert verbrachten wir den Abend. Wir besuchten ein schlichtes Lokal mit kleinem Essensangebot. Viktoria, unsere bulgarische Begleiterin, prüfte zunächst die Sauberkeit der Küche. Es gab Tomatensuppe mit Pfannkuchenstreifen und viel Knoblauch, dazu Bier aus 2,5-Liter-Plastikflaschen. Gegen 1 Uhr verabschiedeten sich die beiden Männer, und ich zog mit Viktoria weiter.
Sie erzählte mir, dass sie keine andere Wahl habe, als mit einem Mann zusammenzuleben – ohne Schulabschluss, ohne soziale Absicherung. Nach ihrer Entlassung aus einer Schokoladenfabrik war sie nach Großbritannien ausgewandert und hatte dort ihren Begleiter kennengelernt.
Am letzten Tag in Sofia erkundete ich nochmals die Stadt. Ich beobachtete Männer beim Brettspiel und einen Straßenkünstler im Park – das letzte Mal auf dieser Reise, dass ich Menschen sah, die öffentlich und miteinander spielten.
Am Tag meiner Abreise trank ich mit Peter noch einen Kaffee und machte mich auf zum Busbahnhof. Gegen Mittag fuhr der Bus Richtung Prag. Die Landschaft Bulgariens war geprägt von grünen Hügelketten – fast mediterran. Wir fuhren durch die Nacht und kamen am Morgen in Prag an.
Am Busbahnhof wartete Kai – wie in Sofia verabredet.
Es war ein schönes Gefühl, am Ziel von einer vertrauten Person begrüßt zu werden. Wir umarmten uns herzlich und bezogen ein Hostelzimmer für eine Nacht. Die verbleibende Zeit bis zur Abfahrt nach Hannover nutzten wir für eine Stadterkundung.
Prag wirkte sachlich und europäisch. Die Stadt war elegant, mit vielen historischen Bauten – aber auch voller Touristen. Für mich wirkte sie hektisch und aufgeregt. Die Menschen gingen nicht achtsam miteinander um. Alle versuchten krampfhaft, möglichst viele Eindrücke zu sammeln – extrem ichbezogen. Die hohe Zahl deutscher Besucher fiel mir auf. Auch wir sahen Prag als touristische Pflichtaufgabe: Wenzelsplatz, Karlsbrücke, Moldau – alles Teil des touristischen Lindwurms, der sich durch die Stadt schlängelte. Es hatte nichts mit der Reise zu tun, die ich bis dahin gemacht hatte.
Ich wollte nicht bleiben – ich wollte nach Hause. Am Busbahnhof kassierte ich noch eine Strafe fürs Rauchen am falschen Ort: acht Euro Ordnungsgeld. Wir bestiegen den Bus. Die Fahrt war überladen mit Eindrücken aus fernen Ländern – und doch war es schön, eine vertraute Person neben mir zu haben.
Gegen 1:45 Uhr am 24. Juli 2019 erreichte der Bus Hannover. Meine knapp siebenwöchige Reise war zu Ende. Ich fühlte mich fremd in meiner eigenen Stadt. Eine sommerliche Nacht, ein Ort, zu dem ich zunächst keine Verbindung fand. Schon am Busbahnhof überkam mich eine Palette von Gefühlen: Freude auf meine Kinder, Stolz, Wehmut, Fernweh. Hier war alles unverändert. Das Bahnhofsviertel mit seiner offenen Drogen- und Obdachlosenszene ließ Erinnerungen an funktionierende Großstädte wie Pjöngjang und Bischkek aufsteigen. Ich fragte mich, warum in Deutschland so viele Menschen geringschätzig über Weltregionen denken, die sie nie gesehen haben und nie sehen wollen.
Kai und ich nahmen ein Taxi in den Westen Hannovers. Die Fahrt kostete 25 Euro – die teuerste Einzelfahrt der gesamten Reise, abgesehen von den Flügen. In meinem WG-Zimmer angekommen, war an Schlaf nicht zu denken. Ich stellte mein Gepäck samt Mitbringseln in eine Ecke. Meine Gedanken kreisten um die Erlebnisse. Ich spürte: Die Reise war vorbei – aber sie führte zu neuen Ideen und Wegen. Ich hatte den halben Erdball allein bereist. Das Gefühl von Zufriedenheit hielt an. Und eine der vielen Fragen, die mich beschäftigten, war klar umrissen: An welche Orte und zu welchen Menschen wird mich meine nächste Reise führen?
🚩 Hier geht es weiter zum Epilog:
https://www.annetteboll.de/auszeit-vom-kapitalismus/epilog/