Dr. Diether Dehm schrieb am 29.11.2025:
Mit großem Interesse habe ich Annette Bolls Fotodokumentation „Auszeit vom Kapitalismus“ gelesen. Das seltene Genre eines linken Reiseberichts mit klarem antiimperialistischen Ansatz fand ich bemerkenswert. Der Bericht ist eine stringent erzählte Geschichte einer intensiv politischen Reise. Bemerkenswert und bleibend sind die Bilder, die Lebensnormalität abbilden und aufhorchen lassen, dass ein Gegenentwurf zum Kapitalismus allenthalben Spuren hinterlassen hat, die im Vermächtnis der postsowjetischen Gesellschaften erhalten geblieben sind. Die Gesellschaften profitieren von ihrem Erbe: es handelt sich nicht um Elendsgesellschaften postkolonialer Ausbeutung, wie in weiten Teilen Afrikas. Vielmehr sind die Länder weitgehend in der Moderne des 21. Jahrhunderts angekommen. Die von Annette Boll dokumentierten Städte Asiens und Zentralasiens atmen Stolz und Würde. China ist noch mehr: antiimperialistisch revolutionäre Staats- und Gesellschaftsentwürfe und Wirtschaftspläne haben es dem einstigen „Drittweltland“ ermöglicht, aus dem kolonialen Ausbeutungsjoch auszubrechen.
Wenn wir als Linke bis vor kurzem hämisch damit konfrontiert werden, dass überall, wo Antikapitalisten regiert haben, mit Geld und Wirtschaft nicht umgegangen werden konnte, dürfen jetzt wir auf dieses Land mit dem höchsten Wirtschaftswachstum weisen. Welches zudem Hunderte von Millionen Menschen nicht vorm hungern alleine, sondern vorm sicheren Hungertod gerettet hat und dafür von der Vereinten Nationen auch häufig genug gelobt wird.
Zum Ärger der bürgerlichen Journaille ist es China und immer mehr einer Kooperation postsowjetischer Staaten gelungen, die Weltgeschichte offen zu halten und den US-amerikanischen und transatlantischen Kapitalismus davon abhalten, mit Kriegen und „Regime Change“ die Welt unter ihre verheerende Ausbeutungsideologie zu zwingen. Der Ausgang ist offen und es bleibt an uns, die Geschichten zu erzählen, die den Blick der Menschen auf das Kommende schärfen. Annettes Erzählung ist also doppeldeutig gemeint: erstens ihre Reise und zweitens ihr Reiseziel: „Auszeit vom Kapitalismus“ gehört zum Kanon einer größeren Erzählung.
Dr. Diether Dehm-Desoi, Musikproduzent, Autor, ehemaliges Mitglied des Deutschen Bundestages
Sein neustes Buch „Rebecca“ ist im Verlag Das Neue Berlin erschienen