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Kapitel 9: Mit dem Bus nach Almaty (Kasachstan)
+++ 4.7.2019: Vom Yssykköl-See über Bischkek mit dem Bus nach Almaty +++ An der kasachischen Grenze +++ 5.7.: Ankunft in Almaty +++ Mein Treffen mit Sahar +++ Bis zum 6.7. im reizvollen Almaty auf Tour +++
Eigentlich wollte ich noch in Kirgisien bleiben. Doch der Wunsch, meine Reise fortzusetzen, gewann die Oberhand. Irgendwie musste mein Weg wieder in Richtung Westen führen. Am Yssykköl entstand die Idee, Aserbaidschan zu besuchen. Um ein gutes Stück näher an Europa zu gelangen, lag es nahe, erneut ein Flugzeug zu nutzen. Eine Webrecherche ergab, dass Flüge von Bischkek nach Baku teuer waren. Von Almaty, der früheren Hauptstadt der kasachischen SSR, bot sich hingegen eine günstige Verbindung. Die Fahrt dorthin führte mich – entgegen meiner Hoffnung – über einen Umweg von fast 500 Kilometern über Bischkek. Luftlinie zwischen Tscholponata und Almaty: keine 130 Kilometer.
Der Bus zwischen Kirgisien und Kasachstan verfügte über eine Klimaanlage, deren dröhnendes Hämmern zum akustischen Begleiter wurde. Neben mir saß ein Fahrgast mit gestreiftem Polohemd. Der Bus, eine Mischung aus Transporter und Reisebus, wäre nach europäischen Maßstäben wohl nicht verkehrstauglich gewesen. Der weiße Lack des Fahrzeugs sollte später noch eine entscheidende Rolle spielen. Am Nachmittag ging es los – zunächst entlang des Yssykköl-Sees, dann über Bischkek gemütlich in Richtung kasachischer Grenze. Diese erreichten wir gegen Mitternacht.
Es war mein erster Grenzübergang per Bus. Ich beobachtete das Verhalten meiner Mitreisenden und vertraute auf die Schwarmintelligenz. Alle verließen den Bus und holten ihr Gepäck aus dem unteren Abteil. Handgepäck – darunter mein Tablet und die Kamera – blieb auf den Sitzplätzen. Wir gingen in Richtung eines großen, schmucklosen Funktionsbaus, der die Grenze zwischen den beiden Staaten markiert. Man verließ durch den Eingang Kirgisien und betrat am Ausgang kasachisches Staatsgebiet. Die Wege im Gebäude waren so lang, dass ich mich irgendwann allein darin wiederfand. Die Kontrolle selbst war überschaubar: Passkontrolle, Gepäckdurchleuchtung – und ich war wieder in Kasachstan.
Meine Gedanken kreisten um die Frage, wie ich meinen Bus wiederfinden sollte. Ich war auf diese Form des Grenzübergangs nicht vorbereitet. Die einzigen Anhaltspunkte: der weiße Lack des Fahrzeugs und der Mitreisende im gestreiften Polohemd. Die Grenzanlage auf kasachischer Seite war weitläufig, und trotz der späten Stunde herrschte reger Betrieb. Ich fühlte mich etwas verloren. Nach etwa dreißig Minuten vergeblicher Suche sprach ich einen Mann an, ob er eine Idee habe, wo mein Bus sein könnte. Er sprach gut Englisch – und trug ebenfalls ein gestreiftes Hemd. Vielleicht ein gutes Omen. Gemeinsam suchten wir nach weißen Bussen und erörterten mögliche Lösungen.
Die Vorstellung, Kamera und Tablet zu verlieren, war beunruhigend. Zu meiner großen Erleichterung entdeckte ich schließlich den Bus – auf einem abgelegenen Teil der Anlage. Alles war da: der Bus, der Mann mit dem gestreiften Polohemd, Kamera und Tablet. Diese Erfahrung zeigte mir erneut die große Hilfsbereitschaft und das freundliche Miteinander in Zentralasien. Ich fühlte mich willkommen in einer Region, vor der das Auswärtige Amt warnt, die Bewohner hätten eine niedrige Gewaltschwelle.
Die Fahrt von der Grenze dauerte nicht lange. Am frühen Morgen kam ich in Almaty an. Das zentrumsnahe Hostel hatte ich wie immer vorgebucht. Dort traf ich auf meine Zimmergenossin Sahar aus dem Iran. Sie lag noch im Bett, als ich das Zimmer betrat. Während ich meine Sachen sortierte, fragte sie mich freundlich nach meinem Herkunftsland. Schnell kamen wir ins Gespräch – zwei Frauen, die gerne allein durch die Welt reisen. Sahar war bereits seit zwei Wochen in Almaty und wartete auf ihre Visa für Usbekistan und Tadschikistan.
Sie war Mitte dreißig und wurde mir in Almaty eine wunderbare Reisebegleiterin. Unser erster Abend führte uns von einer Disko in ein Lokal mit gezapftem Bier. Dort kamen wir mit Einheimischen ins Gespräch. Es wurde Englisch gesprochen, und Sahar amüsierte sich darüber, dass aus den Zapfhähnen Bier statt Limonade floss – wie wohl im Iran üblich. Wir unterhielten uns über unsere Reisen und diskutierten intensiv über Kultur und Sehenswürdigkeiten ihres Heimatlandes. Diese Gespräche weckten mein Interesse, auch den Iran zu besuchen. Leider sollte die spätere Corona-Krise diesen Plan durchkreuzen.
In den folgenden Tagen zeigte mir Sahar Almatys Sehenswürdigkeiten. Die Stadt wirkte auf mich repräsentativer als Nursultan. Mit über zwei Millionen Einwohnern ist sie die größte Metropole Kasachstans und war von 1936 bis 1991 Hauptstadt der kasachischen SSR.
Das Tian-Shan-Gebirge verleiht Almaty eine imposante Kulisse. Wasser und Bäume prägen das Stadtbild. An den zahlreichen Brunnen trifft sich Jung und Alt in entspannter Atmosphäre. Die Stadt wirkt modern und wohlhabend. Monumentalbauten früherer Tage wechseln sich mit modernen Hochhäusern ab. Viele Parkanlagen verleihen Almaty ein freundliches Ambiente.
Später besuchte ich einen auf einem Berg gelegenen Vergnügungspark, der mit einer Seilbahn erreichbar ist. Von oben bot sich ein wunderschönes Stadtpanorama. Eine Bank mit den Statuen der Beatles zählt zu den Attraktionen des Parks – Menschen fotografieren sich mit dem Ensemble der legendären Musiker.
Eigentlich war Almaty nur als Zwischenstation gedacht, um meine Reise nach Aserbaidschan fortzusetzen. Doch ich war froh, diese kasachische Großstadt kennenzulernen. Sie fühlte sich für mich ganz anders an als das auf Hochglanz getrimmte Nursultan. Almaty erschien mir freundlicher und zugewandter. Der Abschied fiel mir schwer – von der Stadt und von Sahar. Ich hätte gerne mehr Zeit dort verbracht. Doch mein Flug nach Baku war bereits in Tscholponata gebucht. Es war Zeit, Lebewohl zu sagen.
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