Vier Mal Marschall Tito
Herbsttage im entspannten Nordmazedonien
Teil 1: Anreise und erster Tag in Ohrid
+++ 20. und 21.11.2023 +++ zum Flughafen nach Dortmund +++ eine Nacht in der deutschen Provinz +++ das Gasthaus zum quietschenden Bett +++ zu Fuß zum Flughafen +++ Bilderbuchlandung in Ohrid +++ erste Erfahrungen mit der nordmazedonischen Lebensart +++
Einleitung: Reiseziel Ohrid
Wer ein bisschen weltoffen ist, hat bei Planungen von Reisen schlichtweg mehr Spaß. Denn die Kombination herbstliche Reisezeit, keine Angst vor Orten die viele Menschen nicht auf der Wohlfühlskala ihrer Routenplanung haben und die interessante Welt der transparenten Technik namens Buchungsapp, bescheren einem Gernreisenden allerlei Möglichkeiten für wenig Geld an interessante Ort in Europa und anderswo zu gelangen. Diese Kombination von Umständen sollte uns nach Nordmazedonien führen, und zwar an den malerischen Ohridsee der an seinen Ufern die namensgebende Stadt beherbergt und über einen von nur zwei internationalen Flughäfen Nordmazedoniens gut zu erreichen ist. Ohrid und sein See liegen im Südwesten des Landes, einen Steinwurf von der albanischen Grenze entfernt. Der See und seine Umgebung sind seit Ende der siebziger Jahre UNESCO-Welterbe, ferner gilt der See als einer der ältesten und saubersten Gewässer Europas. Auch die Stadt blickt auf eine lange Tradition und verfügt über eines der wenigen erhaltenen hellenistischen Amphitheater. Dieses Land, einst Teil des Staatsgebietes der Volksrepublik Jugoslawien, beherbergt einen Mix an Kulturen in seinen Staatsgrenzen. Seine Staatsgründung war von inneren und äußeren Schwierigkeiten geprägt. Grund genug diesem Ziel einen spontanen Kurzbesuch abzustatten.
Hauptbahnhof Hannover - schreiende Obdachlose
Unsere Reise begann an einem eher trüben Novembertag in der Landeshauptstadt Niedersachsens, unserem gemeinsamen Wohnort. Hannover verabschiedet uns mit gewohnter Kulisse. Die Drogenszene hinter dem Hauptbahnhof hinterlässt bei der örtlichen Bevölkerung nur noch ein Achselzucken. Die Hannoveraner gehen achtlos an den Gestrandeten dieser Gesellschaft vorbei. Ein Mensch ohne Obdach schreit sich die Seele aus dem Leib. Jeder der ihm zu nahe kommt erhält einige Beleidigungen an den Kopf geworfen. Drei, vier, fünf Schritte weiter und er ist aus unserem Leben wieder raus, er bleibt schreiend zurück. Wir suchen im Bahnhof nach Gleis und Zug, um unsere Reise Richtung Dortmund Flughafen zu beginnen. Von dort soll es am nächsten Tag via Direktflug nach Ohrid gehen. Eine Übernachtung am Flughafen ist eingeplant, weil wir der Deutschen Bahn nicht so recht zutrauen uns pünktlich am Flughafen abzuliefern.
Sich ausgleichende Zugverspätungen in Deutschland
Nichts ist vergleichbar mit der prickelnden Erfahrung einer Zugfahrt im deutschen Schienennetz. All jene die ein Faible für das Unerwartete haben und auch sonst Gleichmut und Geduldsstärke zu kombinieren wissen, sind bei der Deutschen Bahn gut aufgehoben. Der Dortmunder Flughafen ist über einen nahen Haltepunkt namens Holzwickede erreichbar. Das Deutschlandticket macht aus jedem Kunden mittels einer eigens von der Deutschen Bahn eingerichteten App zum selbständigen Kursbuchverwalter. Erfahrene Bahnkunden wissen jedoch, dass die auf der App angezeigten zwei Zwischenstopps nur eines bedeuten können: Nichts wird laufen wie geplant. Umstiege in Minden und Hamm, das kann normalerweise nichts Gutes heißen. Aber wir werden überrascht. Eine Fügung des Schicksals lässt alle Züge so verspäten, dass durch den Wink des unsichtbaren Fahrdienstleisters alle Anschlusszüge erreicht werden. Verspätet aber nicht gedemütigt steigen wir in der deutschen Provinz aus. Holzwickedes rationaler Betonbahnhof wirkt wie die Haltestelle in jedem anderen deutschen Kleinzentrum und nichts lässt vermuten, dass ein Regionalflughafen 15 Gehminuten entfernt liegt.
24-Stunden-Kneipe geschlossen wegen Personalmangels
In der Dämmerung des Spätherbstes orientieren wir uns im Schein lichtschwacher Straßenlaternen Richtung Zentrum des kleinen Ortes. Alles in Holzwickede scheint darauf angelegt den Ort möglichst schnell wieder verlassen zu können. Umso erstaunter hatten wir bereits im Zug gegoogelt, dass diese Gemeinde eine 24- Stunden-Kneipe aufweisen kann. Das magische Wort Kneipe läßt uns die leicht einsetzende Müdigkeit vergessen. Wenige Wendungen später stehen wir vor dem Pütt, aber die ausgeschaltete Bierwerbung lässt nichts Gutes ahnen. Das Rund-um-die-Uhr-Lokal ist wegen Personalmangels geschlossen. Hat da etwa die Deutsche Bahn ihre Finger im Spiel? Es hilft nichts, eine Alternative muss her.
Im Bambus-Garten - "All you can Drink" und kein Taxi in Holzwickede
Auf dem Weg zum Pütt war uns ein asiatisches Restaurant aufgefallen. Im verschlafenen Ort wirkt die grellgrüne Leuchtreklame des Bambus-Garten irgendwie deplatziert. Aber auch in Hannover besuchen wir gerne asiatische Restaurants, das kann auch in Holzwickede kein Fehler sein. Das erstaunlich weitläufige Lokal scheint menschenleer, doch ein notwendiger Gang auf die Örtlichkeiten öffnet einen Blick in einen weiteren Raum und ein recht ansprechendes Buffetangebot. Der gelassene Kellner des Restaurants beglückwünscht uns zur Buffetwahl, denn immerhin und für uns völlig unerwartet, heißt es beim Asiaten in Holzwickede nicht nur all you can eat, sondern auch all you can drink (inklusive Bier!). Alle die uns persönlich kennen wissen zu diesem Zeitpunkt: Der Abend ist gerettet. Müde und schon leicht mit den Gedanken beim morgigen Flug wollen wir uns nach dem Essen den Fußweg zum Hotel ersparen. Wir bitten die Inhaber uns ein Taxi zu rufen. Immerhin ist es bereits nach halb zehn. Drei Anrufe später ist klar, es gibt kein Taxi mehr um diese Uhrzeit in Holzwickede. Eine Nummer ist nicht erreichbar, dem anderen Taxiunternehmen fehlt das Personal und ein drittes Unternehmen ist die Anfahrt von Dortmund zu weit. Es lebe die Dienstleistungswüste Deutschland.
Mit nicht eingelaufenen Schuhen zur Ibis-Kemenate "Zum -Quietschenden-Bett"
Es hilft nichts, die müden Knochen müssen Richtung Flughafenhotel. Die nicht eingelaufenen Herrenschuhe, die notwendigerweise getragen wurden, weil sie besser zur Winterjacke passen, wie Annette nicht aufhört zu betonen, drücken mittlerweile an allen Ecken und Enden. Der Zustand der Füße passt zur abendlichen Stimmung in Holzwickede. Lieblos aneinandergereihte Wohngebäude wechseln sich mit Funktionsbauten ab. Lichtblicke sind im wahrsten Sinne des Wortes die zwei Tankstellen auf dem Weg zum Hotel. Hier scheint nach Sonnenuntergang der soziale Treffpunkt der werktäglichen Nachtschwärmer des Ortes zu sein. Freudig stellen wir vor dem Hotel fest, dass selbiges kongenial das Ambiente Holzwickedes spiegelt. Die Ibis-Hotelkette hat keine Kosten und Mühen gescheut, den Stil klösterlicher Bescheidenheit in die Moderne zu transportieren. Eine Waschduscheinheit, die den Kulissenbauern eines Sciencefiction-Films alle Ehre gemacht hätte, lässt ein Gefühl zwischen Raumkapsel und Wohnmobilklo aufkommen. Wären da nicht die Bettpritschen mit Stahlfederinnenleben und Metallholmenrationalismus würde das Hotelzimmerchen anmuten wie ein Trainingslager für zukünftige Marsmissionen. Auch hier wurde jedoch an alles gedacht. Die Betten geben bereits beim Draufschauen enervierende Geräusche von sich. Drin liegend wird der permanente Stresslevel nur noch gesteigert. Wir gedenken vor dem Einschlafen der Frauen und Männer die dereinst in solchen Kapseln den weiten Weg zum Mars meistern wollen.
Am nächsten Morgen: Zu Fuß zum Flughafen, ein Zwischenstopp bei Meckes und Check-In in einem überflüssigen Flughafen
Jede Nacht geht einmal vorbei. Erstaunlich erholt wachen wir auf und erledigen routiniert in der Enge der Kapsel die notwendigen Morgenrituale. Da bei einem Teil unseres Reiseteams morgens wirklich nichts ohne Kaffee geht, entschließen wir uns für einen Zwischenstopp bei Meckes (oder McDonald´s) und erleben die nüchterne Konzeptgastronomie des 21. Jahrhunderts. Mittels Bildschirmmenü wird ein Kaffee geordert. Leider fehlen die Gastronomieroboter die einem das bestellte Heißgetränk reichen. Es vergehen einige Minuten bis klar wird, dass der im Kassenbereich deponierte Becher unser Kaffee sein soll. Wir lassen uns von solchen Kleinigkeiten nicht die Stimmung vermiesen. Der Flughafen ist fußläufig zu erreichen und zum ersten Mal reisen wir nicht per Bahn oder Bus zu einem Flughafen sondern nutzen das Gehwegsystem um in den Eingangsbereich des Dortmunder Flughafens einzutreten. Schlichte Schönheit trifft hier auf Sinnlosigkeit. Der Flughafen erwirtschaftet seit Jahren Verluste. Wir lassen uns davon nicht abhalten und sind bereit unsere Reise auch von einem sinnlosen Flughafen anzutreten.
Zwei Polizeibeamte üben sich in einer typisch deutschen Abschiedskultur. Mit Nordmazedoniern in der Wartehalle und eine geräuschlose Abschiebung
Check-In und Sicherheitskontrolle werden problemlos gemeistert. Da der Flug außerhalb der EU-Wohlfühlzone führt, müssen wir durch eine Passkontrolle. Die völlig unempathischen Grenzbeamten der deutschen Polizei versuchen noch nicht einmal das angebotene „Guten Morgen“ zu erwidern. Echte Aushängeschilder deutscher Gast- und Verabschiedungskultur allerdings auch die letzte enervierende Erfahrung der nächsten Tage, denn in Nordmazedonien wird uns eine wunderbare Gastfreundlichkeit empfangen, das ahnen wird bereits jetzt. Auf das Flugzeug wartend werden wir dann noch Zeuge einer lautlosen Abschiebung. Weibliche Polizeibeamte begleiten eine verweinte Frau zu unserem Flugzeug und verlassen kurz darauf die Maschine. Trauriger Alltag einer geräuschlosen Abschiebung aus der Bundesrepublik. Ein letzter überteuerter Kaffee wird gekauft und die Verkäuferin klagt ihr Leid, dass sich die Fluggäste immer wieder bei ihr über den Preis für das Heißgetränk beschweren. Mitgefühl kommt auf, dann geht es schon in das Flugzeug.
Spektakulärerer Landeanflug über dem Ohridsee (Westschleife) und ein Flughafen der kurzen Wege
Das Flugzeug hebt zu einem ereignislosen Flug über das wolkenverhangene Europa ab. Leichte Müdigkeit macht sich breit. Diese wird durch den beginnenden Landeanflug unterbrochen. Das Flugzeug überfliegt aus dem Norden kommend das wundervoll am See gelegene Ohrid und fliegt eine weite westliche Schleife nah an den albanischen Teil des Sees heran. Die hohen Berge um den See wirken geheimnisvoll und der leicht bewölkte Himmel scheint den See in tiefes Blau zu tauchen.
Kurz vor dem Aufsetzen wechselt die Landebahn die Wasseroberfläche ab, wir setzen sanft auf. Der kleine Flughafen von Ohrid verfügt über keine Gangways trotzdem klappt die Abwicklung der Ankunft denkbar schnell. Sofort sind wir an der Passkontrolle vorbei und am Ausgang des Flughafens wartet eine junge Mazedonierin in einer Wechselstube auf uns. Wir tauschen 50 Euro in die Landeswährung Denar um.
Erwartungsvolle junge und alte Männer suchen Fahrgäste und die Villa Milka ohne Milka. Dafür eine mazedonische Lösung: „Milko“ statt „Milka“
Nordmazedonien empfängt uns mit dem erwarteten Spalier von Taxifahrern. Annette kennt dies bereits aus ihren vorherigen Reisen durch Zentralasien. Sie rät daher zur Gelassenheit und einer Ausstrahlung gelangweilter Arroganz. Wir schieben uns durch die Menge der Fahrer. Hier und Da hören wir deutsche Sprachfetzen. Uns ist bekannt, dass es keine öffentlichen Verkehrsmittel vom Flughafen in die Stadt gibt, die etwa 8 Kilometer entfernt liegt. Die Lage wird gecheckt, schließlich entscheiden wir uns für einen der jüngeren Taxifahrer der etwas englisch spricht und uns für 20 Euro in unser Hotel fährt. Dort angekommen stellen wir fest, dass wir scheinbar die einzigen Menschen im Hotel sind. Die Versuche sich über Räuspern und Husten bemerkbar zu machen sind nicht von Erfolg gekrönt. In der Vila Milka, so heißt unsere Unterkunft, will sich Milka einfach nicht auffinden lassen. Schließlich entdecken wir an der Rezeption einen Zettel mit einer Handynummer. Leider klappt aber dieser Kontaktversuch nicht. Aus dem Nichts entwickelt sich eine Lösung des Problems. Ein Herr mittleren Alters nimmt sich unser an, obwohl er ausdrücklich beteuert nicht in dem Hotel zu arbeiten. Freundlich ruft er die Eigentümerin des Hotels an und nach kurzer Debatte mit selbiger am Telefon händigt er uns freundlich unseren Transponder für das elektronische Türschloss aus. Nach einigen Versuchen öffnet sich die Tür und wir betreten unser angenehmes Zimmer samt Bad.
Eine Stadt riecht wie ein Holzkohlegrill und durch die Fußgängerzone zunächst zum See
Nachdem wir uns in der Unterkunft eingerichtet haben hält uns nichts mehr davon ab die Stadt zu erkunden und den See anzusteuern. Wir verlassen das Hotel. Der Taxifahrer hatte uns bereits grob gezeigt wo das Zentrum der Stadt ist und wie wir zum See gelangen. Uns erwartet eine unaufgeregte aber doch lebendige Stadt, schnell sind wir am zentralen Kreisel der Stadt, dort erstreckt sich in Ost-West-Richtung die zentrale Tangente des modernen Ohrids. Die Hauptstraße wird von Plattenbauten aus der sozialistischen Ära der Stadt dominiert, es sind aber auch Häuser und Hochhäuser zu erkennen, die im Postsozialismus entstanden sind.
Eine Fußgängerzone führt zu einem zentralen Platz. Bereits auf dem Weg sehen wir die ersten Moscheen mit den typischen Minaretten. Die Fußgängerzone zum See ist modern gestaltet.
Es fallen die vielen Schmuckhändler auf, spezialisiert auf den Perlen- und Silberhandel. Ende November wirkt der Ort entspannt aber nicht verschlafen. Auf unserem Weg zum See grüßt uns ein sehr freundlicher älterer Herr mit dem typschien „Dobar den“. Wir grüßen freundlich zurück und bahnen uns unseren Weg zu dem Gewässer. Bereits am späten Nachmittag riecht Ohrid recht angenehm wie ein Holzkohlegrill, denn in der Stadt werden viele Häuser und Wohnungen mit Holzöfen beheizt. An der Promenade angekommen erwartet uns ein grandioser Anblick. Der Ohrid-See ist immerhin 30 Kilometer lang und knapp 15 Kilometer breit. Er ist sowohl auf mazedonischer als auch auf albanischer Seite fast vollständig von einer spektakulären Bergkette umschlossen.
Je nach Sonneneinfall schimmert der See mal in tiefem Blau, dann aber auch wieder türkisfarben. Das Wasser ist kristallklar und selbst am kleinen Hafen ist keinerlei Verunreinigung des Wassers zu erkennen.
Von der Promenade ziehen sich etliche kleine Gassen Richtung Altstadt, die pittoresk an einem bewaldeten Hügel gelegen ist auf dessen Spitze eine mittelalterliche Festung thront.
Bei Tanja mit allen Tieren - Katze nicht auf den Tisch! Skopsko Bier schmeckt gut oder „the local one"
Nun nagt aber der Hunger an uns. Es gilt ein schönes Restaurant zu finden. Die Auswahl ist nicht gerade gering in Ohrid. Uns zieht es eher in urige einheimische Lokale. Nicht weit von der Uferzeile werden wir fündig. Leicht unsicher, ob wir die richtige Wahl getroffen haben wird uns vom Personal von Tanjas typisch mazedonischem Restaurant angezeigt, dass wir willkommen sind. Das Lokal hat innen einen Steinboden und grobe Holzsäulen. Es wirkt sehr schön, dennoch entschließen wir uns im Außenbereich zu essen, was wohl auch daran liegt, dass sich Annette dort besser mit der örtlichen Katzenwelt anfreunden kann.
Die Katzen wollen sich aber auch mit Annette anfreunden und besteigen dazu auch den Tisch an dem wir eigentlichen essen wollen. Dass ruft Inhaberin Tanja auf den Plan, die freundlich aber bestimmt darauf hinweist, dass die Katzen nicht auf den Tisch dürfen. Bei Tanja lernen wir die Errungenschaften mazedonischer Bierbraukunst kennen, fachmännisch bestellen wir zwei und der freundliche Kellner rät uns zum einheimischen Bier („the local one“).
In der Tat wird uns das sehr gute Skopsko-Bier zum abendlichen Wegbegleiter durch Ohrid. Die Frage, ob wir in dem Außenbereich rauchen dürften wird mit einem väterlichen Lächeln begegnet. In Ohrid hat jeder noch die Freiheit selber zu entscheiden wo er raucht. Uns fällt umgehend auf, dass auch im Innenbereich auf jedem Tisch ein Aschenbecher steht. Nachdem wir gut gegessen und getrunken haben senkt sich langsam der Abend über Ohrid. Mit der festen Überzeugung Tanjas Restaurant auch in den nächsten Tagen ein Besuch abzustatten verlassen wir das Lokal Richtung Hotel.
Kneipe am Kreisel - zwei Leute trinken Bier wie die Bekloppten und ein Tschüss zum Abschied
Auf dem Weg zum Hotel kommen wir erneut an dem zentralen Kreisel der Stadt an. An einer Ecke befindet sich eine Bar, die den treffenden Namen „Corner“ trägt. Anders als Tanjas Restaurant wirkt dieses Lokal modern und zentraleuropäisch. Da wir noch keine Lust haben sofort ins Hotel zu gehen kehren wir auf ein „letztes“ Skopsko ein. Nach einigen letzten Skopkos fällt uns nach einer gewissen Zeit auf, dass wir in der gut gefüllten Bar die einzigen Gäste sind, die an diesem Dienstagabend Alkohol konsumieren. Die überwiegend jungen Mazedonier die in der Bar einkehren, trinken Kaffee und lassen sich dazu jeweils ein Glas Wasser reichen, wie dies etwa auch in Griechenland üblich ist. Wir zahlen bei einem der jungen Männer, die in der Bar arbeiten und er sagt uns den Zahlungsbetrag auf Deutsch. In einem kurzen Gespräch erklärt er, dass er in der Schule etwas Deutsch gelernt hat. Folgerichtig werden wir mit einem freundliche „Tschüss“ an diesem ersten Abend in Ohrid verabschiedet. Auf dem Weg zum Hotel sammeln wir unsere ersten Eindrücke von der Stadt. Ohrid ist auch am Abend unaufgeregt aber lebendig. Die Menschen sind äußerst freundlich und geben uns das Gefühl willkommen zu sein. Wir werden nicht besonders beachtet denn der Ort ist ausländische Gäste gewohnt und wir fühlen uns gut aufgehoben in Nordmazedonien.
Teil 2: Der erste vollständige Tag in Ohrid – es wird politisch!
+++ 22.11.2023 +++ Schulhof Impressionen +++ nochmal die Promenade +++ das klassische Ohrid mit Altstadt, Amphitheater, Kirchen und Festung +++ Katzen in Ohrid +++ Am zentralen Platz mit der orientalischen Platane +++ wir finden eine schöne Kneipe +++ auf ein Bier mit dem Boss +++ Gedanken zu EU +++ auf ein Abschlussbier mit dem jungen Mazedonien +++
Applaus für einen fallenden Baum - Der Schulhof neben der Villa Milka
Unser erstes Erwachen in Ohrid ist entspannt. Wir scheinen die einzigen Menschen im Hotel zu sein. Nur der beständig laufende Fernseher neben der Rezeption deutet an, dass möglichweise ein Verantwortungsträger hin und wieder das eigene Hotel aufsucht. Der erste Tag in Ohrid empfängt uns mit einer milden Herbstsonne. Auf dem Weg zum See und der Altstadt liegt das Gelände einer Grundschule.
Auf dem Grundstück finden gerade Holzfällerarbeiten statt. Gelassen wirken die mazedonischen Bauarbeiter als sie mittels einer Motorsäge einem alten Baum zusetzen. Nicht nur uns zieht die optische Magie arbeitender Menschen in den Bann. Auch die Schulkinder freuen sich auf etwas Abwechslung und sitzen und stehen an den Fenstern ihrer Schule, um den fallenden Baum zu bewundern. Als dieser endlich nachgibt hören wir freudiges Gelächter und Applaus für die Bauarbeiter. Wir sind uns einig, schon lange nicht mehr ein so ausgelassenes Kinderlachen gehört zu haben.
Von der Promenade auf den Berg mit Amphitheater, Kirche und Festung
Unser erster Weg führt an die Promenade des Ohrid-Sees. Der Wind weht vom See her und peitscht kleine Wellen an die Mauer der Promenade. Aus einem der zahlreichen Kaffeeautomaten wird ein Kaffee gezogen. Nun geht es daran, das klassisch touristische Ohrid zu erkunden. Die Altstadt glänzt durch zahlreiche Bauten die in der Tradition osmanischer Architektur entstanden ist. Enge Gassen mit steilen Aufgängen verbinden die am Hang gelegene Altstadt netzwerkartig. Nach wenigen Minuten steht man bereits an der ersten Attraktion Ohrids, dem hellenistischen Amphitheater. In einem offenen Rundbogen sind die steinernen Tribünen angebracht. Es fällt schwer sich in Erinnerung zu rufen, dass auf diesem Platz bereits vor über 2000 Jahren Menschen saßen, um Kunst und Kultur zu genießen.
Weiter auf den nach oben führenden Gassen gelangt man auf einen Platz mit einer alten orthodoxen Kirche die besucht werden kann.
Im Inneren der mehrere hundert Jahre alten Kirchen bilden die Decken- und Wandmalereien einen Einblick in die mystische religiöse Welt des orthodoxen Glaubens und seiner Ikonenmalerei. Am Gipfel des Ohrid beherrschenden Hügels thront eine alte Festung. Auch diese kann besucht werden und auf den Mauern der Burg bietet sich ein spektakulärer Blick über die gesamte Stadt und den See.
12 Uhr Kirchenglocken und Muezzin - Minarette und orthodoxe Kreuze - Ohrid beheimatet zwei Kulturen und der Abstieg durch die pittoreske Altstadt
Pünktlich um 12 Uhr mittags läuten Ohrids christliche Kirchen. Etwas später stimmt der Muezzin die islamischen Gläubigen auf die Mittagszeit ein. Vom Stadthügel betrachtet ergibt dies eine friedliche Mischung der zwei in Ohrid beheimateten Kulturen. Nun beginnt der Abstieg in das Zentrum von Ohrid. Malerische Gassen führen uns entlang des Weges nach unten. Uns fallen wunderschöne alte Häuser auf, dazu Rosengärten und Kiwi-Bäume. Alles ist ruhig und würdig, wie die Menschen die in dieser historischen Kulisse leben und neben der schönen Architektur auch einen wunderschönen Blick auf den ausladenden See genießen dürfen.
Allgegenwärtig sind auch die vielen Katzen in der Altstadt. Entweder in den Vorgärten oder auf den abgestellten Autos liegend, scheinen sie in aller Lässigkeit die wahren Herrscher von Ohrid zu sein.
Die Bar an der orientalischen Platane, funktionierendes freies W-LAN und auf „ein“ Bier mit dem Boss
Über die Fußgängerzone führt uns unser Weg nun auf den zentralen Platz in der Nähe des Sees. Die berühmte 1000-jährige orientalische Platane bildet beeindruckend den Mittelpunkt des Platzes.
Hier finden sich zahlreiche Restaurants und kleine Geschäfte. Im Gegensatz zum zentralen Platz in Hannover, dem Kröpcke, verfügt Ohrid in diesem Bereich über ein hervorragendes freies W-LAN-Netz. Es ist Nachmittag und ein leichter Regen setzt ein. Die marmorartigen Bodenplatten des Platzes beginnen zu glänzen. Wir entschließen uns eine Bar anzusteuern, die uns schon am ersten Abend angelacht hatte. Im Innenraum des schönen Lokals hängen oder stehen überall Pflanzentöpfe mit wunderbaren Blumen und Sträuchern. Das Ganze wirkt so als hätte jemand eine Bar mit einem Gewächshaus gekreuzt. Rauchend und Skopkos trinkend dauert es nicht lange, bis sich uns ein älterer Herr nähert und uns auf Deutsch anspricht. Der Mann, den alle in der Kneipe „Boss“ nennen, ist in der Tat der Eigentümer des gastronomischen Betriebes. Da er einen deutschen Millionär mit Yacht am Hafen zu seinen Freunden zählt, hat er sich unsere Sprache rudimentär angeeignet. Der Boss stellt uns seine Frau und Freude vor. Wir grüßen mit Skopko, der Gruß wird mit Raki erwidert, der hier nicht runtergestürtzt, sondern eher genippt wird. Der Boss ist ein rüstiger Endsiebziger, der leicht wankend an unseren Tisch kommt und uns gastfreundlich auf eine Runde Bier einlädt.
Einblicke in die politische Situation. Hütet euch vor der EU. Politik mit Händen und Füßen in drei verschiedenen Sprachen
Nach einem kurzen Kennenlernen wird das Gespräch schnell politisch. Bekannt war uns, dass es Anfang der Nullerjahre Unruhen zwischen den albanischen und den mazedonischen Bevölkerungsteilen gab. Der Boss macht klar, dass diese Konflikte auch weiterhin unterschwellig vorhanden sind. Besorgt seien Teile der orthodoxen Gemeinde über den nach ihrer Ansicht wachsenden Einfluss islamistischer Tendenzen in Ohrid und der nordmazedonischen Gesellschaft. Die EU sieht der Boss kritisch, denn sie würde eine Gefahr für die örtliche Wirtschaft bedeuten. Er selbst war Vorsitzender der Handelskammer von Ohrid und hatte daher einen Einblick in die Stimmungslage der örtlichen Gewerbetreibenden. Juan ist erstaunt, dass ein politisches Gespräch mit rudimentären Sprachkenntnissen so gut gelingen kann und als sich der bulgarische Autoschrauber des Boss´ Wein trinkend noch in die Runde gesellt, fließt auch noch etwas russisch und bulgarisch in das Gespräch ein. Gutgelaunt und mit neuen Freunden in Ohrid, verlassen wir als Letzte dieses wundervolle Lokal.
Abschlussbier im „Jungen Mazedonien“. Der Supermarkt rettet den Abend. Milka putzt nicht gern
Wir lassen uns ein Abschlussgetränk in der Bar „Corner“ nicht nehmen und genießen das entspannte Ambiente in dem Lokal noch etwas. Dann beschließen wir es für diesen Tag gut sein zu lassen. Ein Supermarkt auf dem Weg zum Hotel versorgt uns mit dem Nötigsten, denn das bestellte Frühstück haben wir in der Villa Milka leider nicht erhalten. So unsichtbar wie Besitzerin und Personal sind auch die kulinarischen Annehmlichkeiten des Hotels. Aber dank des Supermarktes haben wir alles, was wir für den Abend und den Morgen benötigen. Im Hotelzimmer angekommen müssen wir erkennen, dass auch die Raumpflege uns selber überlassen scheint. Uns grämt das nicht mehr. Wir fallen mit vielen wunderbaren Eindrücken in einen tiefen Schlaf.
Teil 3: Der dritte Tag - Ohrid jenseits des Tourismus
+++ 23.11.2023 +++ Milka bleibt unsichtbar +++ eine neue Unterkunft wird gebucht +++ erneut bei Tanja und durch den Basar +++ Ohrid jenseits des Tourismus +++ wieder am See und Pizza in Ohrid +++ klopf, klopf +++ Einschlafen am dritten Tag +++
Der Morgenkaffee im Hotel ohne Frühstück sowie unsichtbaren Mitarbeitern. Eine neue Unterkunft wird gebucht
Auch am dritten Tag in Ohrid ändert sich am Zustand in unserer Unterkunft wenig. Milka bleibt weiter unsichtbar und der Kaffee wird mittels eines entliehenen Wasserkochers zubereitet. Da das Hotel jedoch mit Frühstück gebucht wurde stellt sich die Frage, ob wir das alles einfach so auf uns sitzen lassen wollen. Zudem haben wir in Nordmazedonien einen sehr gastfreundlichen Eindruck erhalten. Dazu will diese Unterkunft ohne Personal und Ansprechpartner nicht so recht passen. Über die Webseite eines Internetportals für Hotelbuchungen setzen wird uns mit Milka in Verbindung und wollen in Erfahrung bringen, ob Milka sich für uns etwas einfallen lassen kann. Die Unterkunft hatten wir durch einen Wink des Schicksals nur bis zum vorletzten Reisetag gebucht. Wir entscheiden spontan den letzten Tag und Abend in Ohrid nicht bei Milka verbringen zu wollen. So geht es zum zentralen Kreisel und dem Hotel Sky-Corner. Dort mieten wir uns für den nächsten Tag ein, um doch noch eine Unterkunft mit Frühstück und morgendlich servierten Kaffee unser eigen nennen zu dürfen.
Erneut bei Tanja und Salat zum Frühstück. Danach durch den Basar mit einer Markthalle wie sie sein soll
Wir gehen erneut zu Tanja, in dem Restaurant fühlen wir uns mittlerweile heimisch und werden wie gute alte Gäste begrüßt. Wir frühstücken Bauern- und Thunfischsalat. Die frischen Tomaten und Gurken schmecken hervorragend. Nach dem Frühstück geht es zum Basar. Die typischen Verkaufsstände im Freien wechseln mit einer Markthalle ab in der nur Obst und Gemüse verkauft wird.
Beim Eintreten in die Halle fallen uns das überbordenden Angebot an verschiedenen Gemüsesorten auf, darunter Porreestangen, die die bei uns verkauften Stangen an Länge um das Doppelte überbieten. Die Halle duftet geradezu nach Frische, ein Unterschied zu den eher sterilen Gerüchen solcher Hallen in Deutschland.
Ohrid jenseits des Tourismus und ein Shopping Center im nichttouristischen Teil Ohrids
Wir wollen an diesem sonnigen Tag mehr von der Stadt erkunden. Unser Ziel sind Wohnviertel jenseits des Tourismus. Auf Werbetafeln auf der Hauptstraße Ohrids haben wir Richtungsanzeiger zu einem Shopping-Center gesehen. Auch die deutsche Drogeriekette „dm“ soll dort eine Filiale betreiben. Nach mehreren Irrungen und Wirrungen finden wir uns in schlichten Wohnvierteln aus der sozialistischen Epoche Ohrids wieder und geraten dann auf eine unscheinbare Straße in den nördlichen Teil der Stadt. Auf einer großen Gewerbefläche entstehen dort kommerziell genutzte Großgebäude, das Shopping-Center wirkt dagegen von außen eher klein und einfach. Einmal in das Gebäude eingetreten überrascht dann doch die eher großzügige Innenarchitektur. Es fällt jedoch auf, dass viele der kleineren Ladeneinheiten leer stehen. Wir wollen in einem im Center befindlichen Supermarkt etwas zu trinken kaufen und nutzen die Gelegenheit die örtlichen Einzelhandelspreise zu studieren. Für Personen die aus der Eurozone kommen sind die Preise in der Tat äußerst gering. Das war uns schon bei unseren gastronomischen Besuchen aufgefallen. Auch im Supermarkt ist das Obst und Gemüse frisch und es gibt keine auf Schönheit getrimmten Produkte. Wir verlassen den Supermarkt und öffnen eine Wasserflasche mit Drehverschluss. Juan wundert sich das er plötzlich den Deckel in der Hand hält. Mazedonien kennt noch nicht die segensreiche EU, die Flaschen und Menschen normt, um vermeintlich etwas für den Umweltschutz zu tun. Auf dem Weg zum Ausgang finden wir schließlich die Filiale des deutschen Drogeriemarktes. Die Preisunterschiede zum mazedonischen Supermarkt sind horrend und die Produkte wollen nicht so recht zu den bodenständigen und naturbelassenen Produkten im Supermarkt passen. Wir verlassen den Drogeriemarkt ohne etwas zu kaufen.
Eine Tangente zum See. An der Promenade - der See schimmert im Sonnenlicht und kristallklarem Wasser
Unsere Erkundung des werktäglichen Ohrids führt uns an weiteren Wohnvierteln vorbei. Juan erinnert das Ambiente mit den vielen kleinen Läden im unteren Bereich der Häuser an seine spanische Heimat. Ohrid zählt etwa 40.000 Einwohner, so dass die Stadt niemals hektisch wirkt und an einem sonnigen herbstlichen Nachmittag zu einem entspannten Miteinander einlädt. An einem Kreisel im nördlichen Teil der Stadt fällt unser Blick in südliche Richtung. Eine lange Straße führt direkt in Richtung des Sees der im Sonnenlicht schimmert. Erneut bewundern wir das kristallklare Wasser des Sees und sonnen uns auf einer der Bänke an der Promenade. Die Promenade selbst scheint eher die Domäne der Straßenhunde der Stadt zu sein. Selbige strahlen die gleiche Gelassenheit der Katzen aus. Ohrid ist und bleibt auf allen Ebenen ein friedlicher Ort zum Wohlfühlen.
Heute mal „Italienisch“ mit kalter Tomatensoße. Ein früher Abend im Hotel. Klopfklopf. Erschöpftes Einschlafen am dritten Tag
Der Abend naht und wir merken nach den ausgedehnten Fußmärschen, dass Tanjas Salat unsere einzige Mahlzeit bis jetzt war. Der Hunger nagt langsam an uns. Es war uns früh aufgefallen, dass die Anzahl traditioneller Restaurants in Ohrid eher gering ist. Daher hatten wir uns bei Tanya auch so wohl gefühlt. Dagegen gibt es einen interessanten Überfluss an Pizzerien in der Stadt und im touristischen Kern des Ortes. Kurzum, wir entschließen uns ein italienisches Restaurant aufzusuchen. Ein weihnachtlich geschmückter Laden mit auffallenden blickenden Leuchtmitteln erregt unser Interesse. Das moderne Interieur schreckt uns nicht ab, was sicherlich auch etwas mit unserem Hunger zu tun hat. Die von Annette bestellte Pizza, die mit einem extra Schälchen kalter Tomatensoße serviert wird, schmeckt außerordentlich gut. Die Bolognese die Juan ordert kann dagegen nicht wirklich überzeugen. Annette ist gut drauf, weil sie per SMS-Chat eine gute Nachricht aus Deutschland erhält. Der Mailverkehr mit Milka ist dagegen ernüchternd. Milka will uns dringend persönlich sprechen. Wir wissen nicht, ob wir das gut oder schlecht finden sollen. Alles hilft nichts wir sind müde und beschließen den Abend gemütlich im Hotel ausklingen zu lassen. Im Bett liegend zappen wir uns vergnügt durch das Angebot des mazedonischen Fernsehens. Ein aufdringliches Klopfen durchbricht unseren Fernsehabend. Könnte dies Milka sein? Wir beschließen gemeinsam, dass uns das nicht wirklich interessiert. Irgendwann verstummt der Fernseher, es wird Nacht in Ohrid und wir sinken erschöpft in den Schlaf.
Teil 4: Der letzte Tag vor der Abreise – Langsam kennen wir uns aus
+++ 24.11.2023 +++ Raus bei Milka +++ Annette missachtet die Vorfahrt aber Skopsko geht immer +++ Sonnenaufgang am See +++ Marschall Tito quert unseren Weg +++ das neue Hotel +++ Abendimpressionen in der Altstadt +++ “We are from Germany“ +++ die Sky-Lounge +++
Flucht vor Milkas Fluch nach kalter Dusche und durch den Basar mit Skopsko
Der letzte Tag vor unserer Abreise beginnt wehmütig. Bei aller Liebe, es kommt kein warmes Wasser aus der Dusche. Sind wir etwa von Milkas Fluch getroffen? Wir wollen dies nicht unnötig prüfen und beschließen einen Abschied aus dem Etablissement. Auch am letzten Tag bleibt Milka unsichtbar. Bis auf das abendliche Klopfen waren wir so gut wie mutterseelenallein in dem Hotel. Die Zeit bis zum Einchecken im Sky-Corner wollen wir in der Stadt verbringen. Wir verlassen die verlassene Villa Milka auf ein Nimmerwiedersehen. Über den Basar mit seiner Markthalle soll es zum morgendlichen Besuch des Sees gehen. Wir sind gutbepackt mit unseren Rucksäcken. Juan transportiert in seiner Außentasche eine 1,35-Liter Flasche besten Skopkos. Beim forschen Eintreten in die Markthalle nimmt Annette einem Fahrradfahrer die Vorfahrt. Der gute Mann muss dringend abbremsen und vom Fahrrad absteigen. Beim Anblick von Juans Skopsko am Rucksack fängt er an zu strahlen und lacht unter Ausrufung „Skopsko“. Wir lächeln zurück und jeder geht seiner Wege.
Sonnenaufgang mit wolkenverhangenen Bergen um den Ohridsee und Morgenstimmung bei Tanja
An diesem kühleren Morgen wechseln sich Sonne und Wolken ab. Vom See weht eine starke Brise. Der Wind drückt Wolken und Wolkenfetzen in die Berge als wolle er die Bergkette mit den Wolken sanft einhüllen. Hinter den Bergketten erstrahlt die Sonne im mattsilbernen herbstlichen Glanz. Eine wunderschöne Szenerie.
Nachdem wir uns an dem Anblick satt gesehen haben ist es Zeit für einen Cappuccino bei Tanja. Wir freuen uns, dass dieses Restaurant auch zum Frühstücken einlädt, denn der Kaffee schmeckt wie alles andere hier köstlich. Aus dem Fenster beobachten wir, wie in einem Haus neben unserer Taverne Waren angeliefert werden. Anwohner und Lieferfahrer bilden eine Menschenkette und nach kurzem Hin und Her ist die Lieferung an Ort und Stelle.
Marschall Tito kreuzt unseren Weg und kurzes Innehalten in der Kneipe vom Boss
Wir haben bis zum Check-In im neuen Hotel noch etwas Zeit und vertreten uns die Beine bei einem Spaziergang in der Altstadt. Bei einem der zahlreichen Souvenir- und Schmuckläden kreuzt plötzlich der legändere Staatsgründer der Volksrepublik Jugoslawien unseren Weg. Wir haben bis dato wenig Bekanntschaft mit Emblemen des Realsozialismus in Ohrid gemacht. Am Hafen flatterte an einem alten Schiff die Fahne Jugoslawiens.
Hier und da sahen wir Kulturbauten aus der Zeit der Arbeiter- und Bauermacht.
Alles in allem ist zumindest in Ohrid das Erbe des Sozialismus wenig präsent. Aber in diesem Souvenirladen in der Nähe von Tanjas Restaurant ist er noch zu finden: Marschall Tito. Natürlich lebt Tito nicht mehr, aber sein Konterfei ist auf etlichen kleinen Magnettafeln zu finden, die dieser kleine Laden verkauft. Er ist der einzige in ganz Ohrid, der den Marschall ehrt und wir entschließen uns spontan drei Titos zu erwerben. Wir haben bereits die Menschen vor Augen, die des Marschalls würdig sind und ziehen vergnügt Richtung des Platzes mit der 1000-jährigen Platane. Auf dem Weg dorthin fällt uns eine Schülergruppe auf, die von ihren Lehrkräften für einen Gang durch die Altstadt eingesammelt werden. Die Lehrer leiten ihre Gruppen mit stoischer Ruhe. Die jugendlichen Schulkinder sammeln sich ruhig und ohne Hast und Gedrängel. Wie laufen solche Prozesse eigentlich in Deutschland? Beim Boss kehren wir noch einmal ein. Wir denken über das Miteinander in Ohrid nach. Erkennbar ist Nordmazedonien kein reiches Land. Bittere Armut oder bettelnde Menschen sind jedoch in Ohrid nicht oder nur kaum zu sehen. Da kennen wir aus Hannover andere Ecken mit Menschen denen Armut und Verwahrlosung deutlicher anzusehen sind.
Einchecken im neuen Hotel und ein chilliger Nachmittag. Danach ein weiterer Tito und Abendimpressionen
Vom „Boss“ sind es nur wenige Minuten zum Sky-Corner. Der Empfang ist freundlich und wir sind froh in einem „richtigen“ Hotel zu sein, denn auch die Zimmer und Sanitäranlagen sind top und Juan nutzt die Zeit für seine geliebte heiße Dusche. Entspannt beginnen wir den Nachmittag in der angenehmen Atmosphäre der neuen Heimstätte.
Irgendwann zieht es uns aber doch wieder an den See und zur Altstadt. Bereits im Hotel hatten wir erörtert, dass uns ein Tito fehlt, wir ziehen daher zunächst zum Souvenirladen um einen Marschall nachzukaufen. Die Sonne geht gerade unter und Annette nutzt die besondere Stimmung des einsetzenden Abendlichts um fotografisch die wunderschöne Stimmung in der Altstadt einzufangen. Vor allen die liebevoll gestalten Straßenlaternen der Altstadt haben es ihr angetan. Dazu wunderbar beleuchtete kleinen Gassen und Gänge des orientalischen Ohrids.
Wir verbringen den letzten Abend bei Tanja, um ein letztes Mal hier zu Abend zu essen. Am Nachbartisch sitzen griechische Gäste, die entspannt einen Abend in Nordmazedonien genießen. Nach einem wunderbaren Essen verabschieden wir uns vom liebgewonnenen Lokal und bummeln durchs abendliche Ohrid. Wir kehren, für uns eher untypisch, in einem Irish Pub ein. Juan fällt ein wenig durch, als er auf die Frage, ob wir große oder kleine Biere trinken wollen erwidert: „We are from Germany, we drink big ones“. Das dortige Fassbier schmeckt nicht so recht und wir gehen zum Hotel, dass sich nicht nur Sky-Corner nennt sondern auch eine Sky-Lounge besitzt. In der für unsere Vorlieben etwas zu stylischen Atmosphäre sind wir auch diesmal die einzigen Gäste die Alkohol konsumieren. Wir vermuten, dass dieser Ort eher der Jungendkultur vorbehalten ist, deren Eltern zur besseren Gesellschaft von Ohrid gehören. Bei Kaffee und dem obligatorischen Glas Wasser wird bei westlicher Musik aus den 90igern entspannt palavert. Die Stimmung ist dabei ausgelassen. Ein angenehmes Ambiente entlässt uns einige Lieder später in unsere Nachtruhe.
Teil 5: Abschied von Ohrid und zurück in Kaltdeutschland
+++ 25.11.2023 +++Abschied von Ohrid bei einer interessanten Taxifahrt +++ der Rückflug +++ wieder in Herrenmenschendeutschland +++ die Deutsche Bahn liefert nicht +++ unerwarteter Besuch für Tito +++ beim Einschlafen von Nordmazedonien (weiter)schwärmen +++
Verregneter Morgen zum Abschied - der Himmel weint mit uns und Rätselraten über Wind- und Startrichtung
Erholt wachen wir im Sky-Corner auf. Wir sind froh die richtige Hotelwahl getroffen zu haben. Doch trotz der schönen Bleibe sind wir traurig, dass unsere Ohrid-Reise am heutigen Samstagmorgen enden wird. Das Wetter passt zu unserer Stimmung. Ein regnerischer Morgen mit einem starken Wind, der von der Richtung des Sees kommt. Juan spekuliert noch darüber, ob wir vielleicht wieder einen wunderschönen Abflug über den See erwarten können und beobachtet die wie in Zeitlupe wehende mazedonische Nationalfahne auf der Ohrid überragenden Festung, die vom Hotelzimmer gut zu beobachten ist.
Frühstück im Sky-Corner und eine Aufschlussreiche Taxifahrt zum Flughafen
Für Annette ist das Sky-Corner ein echter Gewinn. Ein gutes Frühstück mit reichlich leckerem Kaffee entschädigt sie für den Zwangsverzicht bei Milka. Wehmütig packen wir unsere Sachen und scherzen über einige Momente die wir erlebt haben. Der zentrale Taxistand ist nicht weit vom Hotel. Wir besteigen das erste Taxi in der Warteschlange. Unser Fahrer ist noch recht jung und spricht hervorragend englisch. Schnell entwickelt sich ein Gespräch. Er fragt uns woher wir kommen und was wir beruflich machen. Dann teilt er uns seine Sicht auf seine Heimat Mazedonien mit. Er beschreibt sein Land als Begegnungsort in dem Menschen gut miteinander auskommen und ein herzlicher Umgang zwischen den Mazedoniern herrscht. Das Land ist entspannt und bietet eine herrliche Natur. Er rechnet uns jedoch vor, dass die Einkommen in Mazedonien sehr niedrig seien. Mit rund 300 Euro im Monat müsse der durchschnittliche Mazedonier seinen Lebensunterhalt bestreiten. Staatliche Unterstützung für Menschen die nicht arbeiten, würde es nicht geben. In Mazedonien heißt es Arbeiten oder Sterben. Wir fragen ihn, ob er eine Lösung in einem Beitritt zur Europäischen Union sehen würde. Das verneint er vehement. Bereits jetzt seien aus Ohrid viele junge Menschen abgewandert, wenn das Land in der EU wäre, würden noch mehr Menschen Mazedonien den Rücken kehren. Trotzdem würde er in seinem Land bleiben, obwohl ihm Verwandte in Deutschland empfohlen hätten Nordmazedonien zu verlassen.
Wieder am kleinen Flughafen von Ohrid
Nach dieser kurzen aber aufschlussreichen Fahrt liefert uns unser Fahrer am Flughafen ab. Waren wir beim Hinflug geradezu im Eiltempo durch den Flughafen gerast, so bleiben nun einige Stunden bis zum Abflug.
Gerade mal drei Flüge werden hier am Samstag abgefertigt. Wir schauen uns die Menschen an, die mit uns nach Dortmund fliegen wollen. Darunter sind auch Mitarbeiter deutscher Unternehmen, die sich in Nordmazedonien wirtschaftlich engagieren. Die wie „Nerds“ wirkenden Technikertypen rätseln über unseren Rückflug und verbreiten mittels Gerüchteküche die einzige Unruhe die am Flughafen herrscht. Angeblich würde der Flieger erst in sechs Stunden ankommen. Wie sich entgegen den rätselratenden Deutschen herausstellt werden wir Ohrid pünktlich verlassen. Gelassen wickeln die Sicherheitsbeamten unseren Flug ab. Allein Juans Ausweis, der mittlerweile zehn Jahre auf dem Buckel hat, erregt die enervierende Aufmerksamkeit eines Polizeibeamten bei der Grenzkontrolle. Irgendwie will das Passbild nicht so recht zu dem Mann passen, der da vor ihm steht. Nach einigen durchdringenden Blicken von beiden Seiten klappt die Ausreise aus Nordmazedonien dann aber doch noch.
Entspannter und leicht turbulenter Flug nach Dortmund und Passkontrolle mit Herrenmenschengehabe
Leider regnet es zum Abflug aus tiefhängenden Wolken. Der Abflug ist somit nicht so spektakulär wie der wunderbare Anflug auf Ohrid. Beim Durchstoßen der Wolkendecke wird es etwas turbulent, schließlich steigt der Flieger auf Reiseflughöhe und die Turbulenzen legen sich.
Noch einmal scheint uns die Sonne entgegen und über Deutschland setzt die winterliche Abenddämmerung ein. Wir landen sanft im verregneten und kalten Dortmund. Nordmazedonien gehört bekanntlich nicht zur EU und daher müssen sich nun rund zweihundert Fluggäste einer Grenzkontrolle stellen, die gerade mal von zwei Polizeibeamten durchgeführt wird. Die beiden fragen im Herrenmenschenton die Nordmazedonier aus, was sie in Deutschland machen wollen. Wahre Repräsentanten der Bundesrepublik, die freilich eher aussehen wie Türsteher aus dem Rotlichtmilieu und sich auch so benehmen. Dortmund empfängt uns so, wie es uns entlassen hat.
Zugfahrt mit Hindernissen oder die Scheiß-DB lässt uns im Stich. Zwei Titos finden gleich in Hannover angekommen eine neue Heimat
Fußläufig verlassen wir den Flughafen Richtung Bahnhof Holzwickede. Die Bahn-App verrät uns die zwei Umstiegsbahnhöfe für die Rückfahrt. Zunächst geht alles gut. Wir sind überrascht, dass wir den Bahnhof von Osnabrück pünktlich ansteuern, um unseren letzten Anschlusszug nach Hannover ohne Stress erreichen zu können. Es fehlen noch zwei Minuten bis zum Bahnhof, der Zug fährt langsam durch die abendliche Stadt. Plötzlich bleiben wir im Vorfeld der Bahnsteige stehen. Nichts geht mehr. Der Fahrdienstleister verweigert dem Zug die Einfahrt in den Bahnhof. Alle Gleise sind besetzt, und zwar unter anderem mit dem Zug den wir nach Hannover nehmen wollten. Als wir nach über 20 Minuten die Freigabe für die Einfahrt erhalten stehen keine Züge mehr auf den Gleisen. Schön, dass alle Anschlusszüge Platz für uns gemacht haben. Die Nachrichten aus der Bahn-App sind auch nicht gerade erfreulich. Der Folgezug fällt ebenfalls aus. Es ist mittlerweile 20 Uhr durch und vor 22 Uhr fährt kein Zug nach Hannover. Das alles noch lässig zu nehmen fällt schwer. Aber getreu dem Motto, dass man aus allem etwas machen kann, finden wir im Osnabrücker Bahnhof eine urige Kneipe mit vielen weiteren gestrandeten Fahrgästen und überbrücken so die Zeit bei einem Bier und netten Gesprächen mit Menschen aus ganz Deutschland. Bereits recht müde erreichen wir Hannover kurz vor Mitternacht. Der dringende Wunsch noch eine Örtlichkeit aufzusuchen führt uns in eine Bahnhofskneipe im Hauptbahnhof. Nach den Tagen in Mazedonien treffen wir dort auf vertraute Gesichter. Jan und Dirk, Mitglieder der Linken Hannover, trinken ein Abschlussbier nach ihrem Abstecher auf die Friedensdemo in Berlin. Eine gute Fügung, denn einer der Magnet-Titos aus Ohrid ist ohnehin für Dirk bestimmt. Noch bevor wir selbigen aushändigen können, sprechen wir mit den beiden über unsere Reise. Der schlaksige Jan outet sich als großer Bewunderer Marschall Titos. Ein Blick zwischen uns beiden reicht aus. Der eigentlich für Juan selbst bestimmte Tito wird Jan ausgehändigt, der ist sichtlich ergriffen. Und auch Dirk freut sich den Tito aus Ohrid mit nach Hause nehmen zu können. Nach diesem netten Zufallstreffen machen wir uns auf die letzte Etappe unserer Reise. Wir fallen todmüde ins Bett. Juan trauert seinem Tito nicht hinterher und dafür gibt es einen Grund: Bereits in Ohrid haben wir beschlossen, dass unsere nächste Reise bereits im Januar nach Skopje, der Hauptstadt Nordmazedoniens, führt. Wir sind uns sicher: Auch da wird uns Marschall Tito wieder über den Weg laufen.