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Epilog - Resümee einer Reise
Meine Pläne zur Fortsetzung meiner Reiseaktivitäten wurden nach meiner Tour im Jahr 2019 jäh gestoppt, als die Corona-Krise einsetzte. Zwar folgte im Jahr 2022 noch eine Reise nach Armenien und zu anderen Orten in Europa – doch die Auszeit vom Kapitalismus, wie ich diese erste große Reise wahrnahm, blieb bis heute mein intensivstes Reiseerlebnis.
Das betrifft auch die Reaktionen auf mein Resümee durch Menschen, die im Nachgang mehr über dieses Projekt erfahren wollten. Um es kurz zu machen: Vielfach stieß ich auf Unverständnis. Dass ich in der Volksrepublik Nordkorea den Versuch erkannte, in einer vom kapitalistischen Imperialismus besonders betroffenen Weltregion eine kollektive Gesellschaft aufzubauen, wurde kurzerhand umgedeutet – als angeblicher Beweis dafür, dass ich autoritäre Regimes kritiklos unterstütze.
Mir wurde unterstellt, ich hätte von jenem Land, das ich bereist – und nicht die Kritiker – besucht hatte, falsche Vorstellungen. Nicht selten wurden meine Reiseerlebnisse gar nicht angehört, stattdessen erlebte ich enervierende Monologe – meist von männlichen Diskutanten – über ein Land, das sie selbst nie betreten hatten. Auf meine Frage, woher ihr Wissen stamme, nannten sie die Medien der „freien“ Welt. Dass diese Medien mitunter ein eigenes ideologisches Interesse verfolgen, nämlich die Idee einer sozialistischen Gegenbewegung zum kapitalistisch-bürgerlichen Gesellschaftsmodell herabzuwürdigen, kam ihnen nicht in den Sinn.
Diese selektive Wahrnehmung war mir auch vor der Reise nicht unbekannt. Die weltweite Unterdrückung von Frauen etwa wird, in den „freien“ Medien selten thematisiert. In der Volksrepublik Korea dagegen ist der 8. März ein gesetzlicher Feiertag.
Dass Südkorea eine der weltweit höchsten Suizidraten aufweist und seine Konsumideologie das Land zu einem der größten Treibhausgasemittenten gemacht hat, wird beim Ländervergleich mit Nordkorea kaum berücksichtigt. Und obwohl Nordkorea ein Agrarland ist, existiert eine Grundversorgung mit Strom. Wer mehr benötigt, hilft sich mit Balkonkraftwerken – wie sie inzwischen auch in der Bundesrepublik verbreitet sind.
Die Menschen in Nordkorea leben in einer sozialen Symbiose, deren Gefährdung sie oft von außen wahrnehmen – nicht ohne Grund. Wer die US-amerikanische Außenpolitik kennt, erkennt diese Bedrohung als real. Die daraus resultierende Isolation hat viele Phänomene hervorgebracht, die erklären, warum Nordkorea in vielen Bereichen eigene Wege gehen musste. Diese Eigenständigkeit erscheint oft jenen ungewöhnlich, die das Land nur aus Berichten Dritter kennen.
Es bleibt offen, welches Lebensmodell der zukünftigen Menschheitsentwicklung besser dienen wird. Dies gilt ebenso für die Länder, die ich auf meiner Reise von China zurück Richtung Europa besucht habe. China öffnet sich der westlichen Welt und passt sich damit auch dem Kapitalismus und der bürgerlichen Lebensweise an – für Nordkorea ist das nicht vorgesehen.
Auch in Zentralasien bleiben viele gesellschaftliche Entwicklungsfragen offen. Kasachstan, Kirgisien und Aserbaidschan gelten laut gängiger Zuschreibungen als Länder mit „niedriger Aggressionsschwelle“. Ich habe mich als alleinreisende Frau dort in jeder Situation sicherer gefühlt als in mancher deutschen Großstadt. Die Brüche zwischen Arm und Reich sind in westeuropäischen Städten viel offensichtlicher als etwa in Bischkek oder Almaty.
Je näher ich Europa kam, desto deutlicher traten Klassenunterschiede in den Städten hervor – schon in Baku, dann verstärkt in Tiflis. Ein echter Tiefpunkt war Sofia: Gegenüber Städten wie Pjöngjang oder Bischkek wirkte Bulgariens Hauptstadt geradezu verwahrlost. Mir kam der Satz meiner bulgarischen Begleiterin in den Sinn: „Wir Bulgaren sind die Sklaven der EU.“ Es bleibt abzuwarten, ob Länder wie Georgien diesen Weg ebenfalls gehen oder sich eine Zwischenposition offenhalten.
Für mich steht jedenfalls fest: Der direkte Besuch von Ländern, über die gesellschaftliche Urteile gefällt werden, ist unverzichtbar. Vor Ort Stimmungen aufzunehmen, Eindrücke zu sammeln, am Alltag teilzunehmen und den sozialen Umgang zu beobachten, sind elementare Voraussetzungen für ein sachliches – und vor allem faires – Bild.
Meine zentrale Schlussfolgerung bleibt dabei einfach:
Menschen sind in allen Herren Ländern soziale Wesen – neugierig, offen und bereit zum Austausch.
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