Kapitel 8: Im schönen Kirgisien

+++ 24.6.: Grenzübertritt nach Kirgisien +++ 25.6.–27.6.: Auf Entdeckungstour in Bischkek +++ 27.6.: Das Zentrum von Bischkek +++ 30.6.: Ala-Archa-Nationalpark +++ 2.–4.7.: Am Yssykköl-See +++

In Kirgisien wandelte sich die Monotonie der Steppe in eine hügelige Landschaft mit saftigen Wiesen. Am Horizont erschienen mächtige, schneebedeckte Bergketten. Auf den Wiesen grasten große Herden von Pferden. Der Kontrast zwischen der Kargheit der Steppe und der facettenreichen Landschaft war eindrucksvoll.

Ich saß im Zug nach Bischkek und schaute aus dem Fenster, als mich eine Frau ansprach, um mir eine kirgisische SIM-Karte zu verkaufen. Da ich bisher die WLAN-Netze der Hostels genutzt hatte, sah ich zunächst keinen Bedarf. Doch mir fiel auf, dass ich kein kirgisisches Geld besaß – und hoffte, durch den Kauf der Karte mit kasachischer Währung kirgisisches Wechselgeld zu erhalten. Das funktionierte schließlich auch.

Der Bahnhof der kirgisischen Hauptstadt wirkte klein und beinahe verschlafen. Es gab keine Geschäfte, und der Ort strahlte den maroden Charme vergangener Zeiten aus – ganz anders als der moderne Bahnhof in Nursultan. Einen russischen Mitreisenden bat ich, mir ein Taxi zu organisieren. Ich schenkte ihm die restlichen Aprikosen und fuhr mit dem vermittelten Taxi zu meinem bereits online gebuchten Hostel.

Der Taxifahrer setzte mich an der gewünschten Adresse ab. Mein kirgisisches Geld reichte gerade für die Fahrt. Die Straße war typisch für Bischkek: staubig, uneben, ohne Gehweg. Die Grundstücke waren durch hohe Mauern oder Blechkonstruktionen voneinander abgegrenzt. Von außen war das Hostel nicht als solches zu erkennen. 

Ich öffnete ein Tor und begegnete einem kleinen Hund. Trotz meiner Angst vor Hunden betrat ich das Haus. Niemand war zu sehen, doch eine Tür im oberen Stockwerk stand offen – dahinter ein Schlafraum. Über WhatsApp kontaktierte ich die Betreiberin, die mir auf Englisch bestätigte, dass dies mein Zimmer sei. Nachdem ich mich eingerichtet hatte, begann ich meine erste Erkundungstour durch das mir noch fremde Bischkek.

Ich suchte ein Restaurant, um Kaffee zu trinken. Eine Frau, die sehr gut Englisch sprach – wie übrigens viele Menschen in Kirgisien – erklärte mir, dass es hier keinen Kaffee gebe. Auch Tee sei nicht erhältlich. Stattdessen bot man mir eine Schale Stutenmilch an. Sowohl Geruch als auch Geschmack, den ich vorsichtig mit der Zungenspitze testete, lagen außerhalb meiner kulinarischen Komfortzone. Mit Bedauern und schlechtem Gewissen gab ich die Schale zurück. Die Frau reagierte erstaunt auf meine Zurückweisung der landestypischen Spezialität. Wir plauderten noch ein wenig, dann erkundete ich die nähere Umgebung des Hotels.

Der auf dem Grundstück des Hostels lebende Hund war klein, dick und zutraulich. Am Nachmittag begleitete er mich – ganz ungefragt – zum kleinen Supermarkt am Ende der Straße. Vor dem Markt bat ich ihn, auf mich zu warten, und zu meinem Erstaunen tat er das auch. Ich hatte das Gefühl, dieser Hund war wie das Land selbst: freundlich und zugewandt.

Am 27. Juni besuchte ich das Zentrum von Bischkek. Der Fußmarsch führte mich durch die kargen Außenbezirke. 

Das Zentrum hingegen hat den Charme realsozialistischer Architektur. Neben großzügig angelegten Plätzen sind viele Monumente aus der Sowjetzeit erhalten geblieben: Statuen von Lenin, Marx und Engels sowie klassische Symbole der Arbeiter- und Bauernmacht.

In den darauffolgenden Tagen besuchte ich einen großen Basar mit regionalen Agrarprodukten und Waren des täglichen Bedarfs. Hier verdichtete sich mein Eindruck: Kirgisien ist ein lebens- und liebenswertes Land. Die Menschen führen ein entspanntes Miteinander, das Leben spielt sich auf der Straße ab und wirkt – trotz der Geschäftigkeit – niemals hektisch.

Am 30. Juni folgte ein Ausflug zum Ala-Archa-Nationalpark nahe Bischkek. Für die 45-minütige Fahrt nutzte ich ein Taxi. Der Fahrer – stolzer Besitzer eines roten Mercedes – war gesprächig, sprach sehr gut Englisch und freute sich, dass ich von so weit her gereist war, um sein Land kennenzulernen. Im Park erwartete mich eine überwältigende Naturkulisse: hohe, schneebedeckte Berge, saftig grüne Hügel und ein Gebirgsfluss mit klarem, eiskaltem Wasser, das fantastisch schmeckte. Auf Gebirgswegen ließ ich stundenlang die Landschaft auf mich wirken. Der Park war gut erschlossen, aber durch seine Weitläufigkeit niemals überlaufen.

Auf der Rückfahrt besuchte ich einen muslimischen Friedhof mitten in der Natur – still und würdevoll.

Ich wollte noch mehr von Kirgisien kennenlernen. Eine weitere Empfehlung führte mich nach Tscholponata am Yssykköl-See, einem großen Binnengewässer mit beeindruckenden Ausmaßen: 182 Kilometer lang und 60 Kilometer breit. Tscholponata liegt am nördlichen Seeufer und ist ein touristisches Zentrum des Landes – aber keine überlaufene Bettenburg. Stattdessen finden sich viele kleine Hotels, Bars und Restaurants, ohne die für westliche Besucher typische Uferpromenade. Tscholponata besticht durch den Charme des Improvisierten. Viele russische Touristen besuchen den Ort. Die Strände sind ruhig und einladend – ich lief am Wasser entlang und tauchte selbstverständlich meine Füße in den Yssykköl.