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Kapitel 7: Geplant nach Nursultan (heute wieder Astana), ungeplant nach Bischkek
+++ 17.6.–18.6.: Von Peking nach Nursultan +++ Bis 22.6.: Stadterkundung in Nursultan +++ 22.6.: Entscheidung für die Weiterfahrt nach Bischkek +++ 23.6.–24.6.: Mit dem Zug durch die kasachische Steppe +++ An der kirgisischen Grenze +++
Der Flug von Peking nach Nursultan führte über die chinesische Stadt Urumchi. Dort landete ich am 17. Juni mitten in der Nacht. Nach einer Wartezeit von knapp drei Stunden bestieg ich das Anschlussflugzeug und kam gegen vier Uhr morgens in der kasachischen Hauptstadt an. Um diese Zeit herrschte noch wenig Betrieb auf dem Flughafen. Kasachstans Taxifahrer besitzen den aufdringlichen Charme übermäßiger Geschäftigkeit. Mit dem Taxi ging es direkt zum vorab gebuchten Hostel im Stadtzentrum.
Nursultan war für mich ein kultureller Bruch. Die Stadt strahlt aus, dass sie im westlichen Lebensmodell ankommen möchte. Durch Rohstoffverkäufe zu Reichtum gelangt, fehlt ihr nach meinem Empfinden eine eigene kulturelle Identität.
Die Millionenstadt ist geprägt von Hochhausblöcken – teils aus sowjetischer Zeit –, zahlreichen Baustellen und religiösen Neubauten. Ich verbrachte dort knapp vier Tage. Die Innenstadt wird von Wolkenkratzern dominiert, die wirtschaftliche Prosperität signalisieren.
Imposant ragt aus diesem Ensemble der Bajterek-Turm, das Wahrzeichen der Stadt. Von seiner Aussichtsplattform bietet sich ein großartiger Blick auf das symmetrisch angelegte Handelszentrum mit Büroblöcken, Parkanlagen, Brunnen und Einkaufszentren.
Nach drei Tagen hatte ich genug von der Monumentalarchitektur und entschied mich zur Weiterreise. Der Ticketkauf gestaltete sich schwierig. Am Bahnhof in der Innenstadt konnte ich kein Ticket erwerben – zum einen wegen der Sprachbarriere, zum anderen, weil mein Reiseziel noch nicht feststand: Bischkek oder Taschkent?
Am nächsten Tag versuchte ich es erneut und stieg in einen Bus, der mich vermeintlich zum gleichen Bahnhof bringen sollte. Stattdessen landete ich am Hauptbahnhof außerhalb der Stadt – auf einem weitläufigen Gelände, wo gerade ein neuer Stadtteil entstand. Der Zugang zum Bahnhof erfolgte über eine Sicherheitsbarriere wie am Flughafen. Das Gebäude selbst war modern und geprägt von großen Glasflächen.
Inzwischen war meine Entscheidung gefallen: Ich wollte nach Kirgisien. Am Schalter wurden mir drei Optionen angeboten: Großraumabteil, Sechsbettabteil oder Einzelabteil. Die Preisunterschiede waren gering. Da ich Land und Leute kennenlernen wollte, entschied ich mich für das Großraumabteil. Die Strecke zwischen Nursultan und Bischkek beträgt rund 1.700 Kilometer und führt durch die kasachische Steppe – eine Reise durch das neuntgrößte Land der Erde.
Wie gewohnt war ich am nächsten Tag viel zu früh am Bahnhof – aus Sorge, den Zug zu verpassen, und um Eindrücke zu sammeln. Erst kurz zuvor war die Hauptstadt von Astana in Nursultan umbenannt worden. In der Stadt hatte ich viele Menschen gesehen, die demonstrativ den alten Städtenamen auf T-Shirts trugen. Am Bahnhof sah ich auch die Liebe zum neuen Namen.
Auf dem Bahnsteig wurde mir bewusst, was eine lang ausgedehnte Zugreise durch die Steppe bedeutet. Sie unterschied sich völlig von europäischen Fahrten. Es wirkte, als wollten sich die Menschen häuslich im Zug einrichten. Ich beobachtete, wie eine Waschmaschine verladen wurde – offenbar nichts Ungewöhnliches.
Im Großraumabteil richteten sich die Reisenden nach und nach ein. Jeder Platz war mit in Folie verpacktem Bettzeug ausgestattet. Der Zug fuhr am Nachmittag los. Das Abteil hallte wider von Gesprächen. Mir gegenüber saß eine junge Frau aus Russland – wir plauderten beiläufig.
Die Landschaft vor dem Fenster wiederholte sich endlos: eine monotone, weite Steppe. Ich fragte mich, was diese Umgebung mit den Menschen macht, die in ihr leben. Am Abend wurden die Schlafstätten aufgebaut – ein besonderes Gefühl, wenn hundert Menschen gleichzeitig ihre Betten herrichten.
Spätabends wirkte die dunkle Landschaft ermüdend. Ich schlief ein – mit einem letzten Blick auf meine Mitreisenden. Gegen vier Uhr morgens weckte mich ein intensiver Geruch: Räucherfisch, typisch für Kasachstan, erfüllte das Abteil. Frauen gingen mit an Fäden aufgereihten Fischen durch den Waggon und boten ihre Ware direkt vor meiner Nase an. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Die Versuchung, einen Fisch zu kaufen, war groß – doch Unsicherheit über die Essweise und die Uhrzeit hielten mich davon ab.
Die Reise führte weiter durch ein monotones Nirgendwo, begleitet vom höflichen Versuch, die Fischverkäufe abzulehnen. Nach Tagesanbruch hielt der Zug an mehreren Stationen. Dort wurden Speisen und Getränke angeboten – ein fein abgestimmter Bahnhofsbasar.
Zunächst stieg ich nicht aus, aus Sorge, den Zug zu verpassen. Der Wunsch zu rauchen führte mich in den Zwischenbereich der Waggons, wo sich Türen und Samoware befanden, die kostenlos heißes Wasser spendeten. Ein fürsorglicher Zugbegleiter stellte mir einen umgedrehten Eimer hin – damit ich sitzend die Steppe bewundern konnte. Bei einem Halt signalisierte er mir per Zeichensprache, dass ich einen Markt besuchen könne – er würde auf mich achten. Ich erwarb eine große Tüte Aprikosen für einen symbolischen Betrag.
Inzwischen hatte ich eine gewisse Nähe zu meinen Mitreisenden aufgebaut und begann, Aprikosen im Abteil zu verteilen. Vor dem Grenzübertritt nach Kirgisien stiegen die meisten aus. Ich überschritt zum zweiten Mal auf dieser Reise eine Grenze im Zug – diesmal verlief es völlig anders. Eine stämmige, streng blickende uniformierte Frau mit Wachhund durchquerte den Zug. Sie führte ein mechanisches Lesegerät mit sich. Ich musste meinen Reisepass abgeben, damit er kopiert werden konnte.
Da fast alle Mitreisenden den Zug zuvor verlassen hatten, fühlte ich mich plötzlich allein. Der erste Eindruck von Kirgisien war etwas einschüchternd. Der Staat zeigte Präsenz – ohne sie direkt auszuüben. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass mir nichts geschehen würde.
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