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Kapitel 2: „Good Luck“ und auf nach Nordkorea
+++ 8.6.: Richtung Nordkorea +++ Am Bahnhof in Peking +++ Schulkinder und „Good Luck“ +++ In Dandong über die Grenze +++ Erste Eindrücke aus Nordkorea +++ 9.6.: Ankunft in Pjöngjang +++
Am nächsten Morgen fuhr ich mit dem Taxi zum Bahnhof – fünf Stunden vor Abfahrt.
Ich war aufgeregt und wollte mir den Ort in Ruhe anschauen. In der großen Abfahrtshalle begegnete ich einer gewaltigen Menge von Schülern in Uniform. Einer kleinen Gruppe vertraute ich mein Gepäck an, um eine Toilette aufzusuchen.
Als ich zurückkam, hatten sie eine App installiert, um mit mir zu kommunizieren. Unterstützt durch dieses technische Hilfsmittel konnten wir uns überraschend gut austauschen. Sie fragten mich, woher ich komme und ob mir China gefällt. Unsere Plauderei dauerte fast eine halbe Stunde.
Irgendwann erschien mein Zug auf der riesigen Anzeigetafel.
Eine lange Schlange bildete sich, und alle Reisenden nach Pjöngjang mussten ihre Dokumente vorzeigen. Der chinesische Grenzkontrolleur – etwa Mitte dreißig – musterte mich von oben bis unten. Ich war die einzige Europäerin in der Schlange. Nach sorgfältiger Prüfung gab er mir meinen Ausweis zurück und kommentierte die Übergabe mit einem emotionslosen „Good Luck“.
Ich ging an einem endlos langen Zug entlang, bis ich mein Viererabteil erreichte.
Ich sollte gemeinsam mit drei Chinesinnen reisen, von denen eine Englisch sprach. Später stieß eine chinesische Reiseleiterin zu unserer Gruppe. Sie bat mich auf Englisch, das Abteil zu wechseln, damit ihre Gruppe zusammenbleiben könne. So kam ich in ein anderes Abteil, in dem bereits drei junge nordkoreanische Männer saßen. Kurz darauf erschien der nordkoreanische Schaffner und wies mich barsch zurecht – ich habe hier nichts zu suchen. Es kam zu einem Disput zwischen ihm und der Reiseleiterin, woraufhin ich zurück ins ursprüngliche Abteil verwiesen wurde.
Später entpuppte sich der Schaffner als fürsorglich. Er organisierte mir Essen, indem er meine Mitreisenden aufforderte, mir etwas abzugeben. Gegen Abend fuhr der Zug los – Peking verabschiedete sich mit einem schönen Sonnenuntergang.
Die Fahrt nach Pjöngjang dauerte etwa 24 Stunden. In der Nacht fuhren wir Richtung Grenze und hielten an mehreren Bahnhöfen. Am nächsten Tag erreichten wir Dandong.
Dort mussten wir den Zug mit Gepäck verlassen. Das Gepäck wurde wie am Flughafen durchleuchtet. Der Aufenthalt zog sich über fünf Stunden – ein scheinbar sinnloses Warten. Keine Kontrolle von Personen, keine sichtbaren Einreiseformalitäten. Der Grenzübergang in eines der angeblich am stärksten isolierten Länder der Welt glich eher einer Geduldsprobe als einem aufregenden Erlebnis. Schließlich bestiegen wir denselben Zug auf demselben Bahnsteig und überquerten die Grenze zur Demokratischen Volksrepublik Korea.
Nach dem Grenzübergang führte mich der Schaffner ungefragt in den Speisewagen. Seine natürliche Autorität verband sich ideal mit meinem Hunger. Der Wagen hatte nichts von der Kunststoffästhetik der Deutschen Bahn, sondern Stil und Charakter – beinahe wie aus einem Film wie „Mord im Orient Express“. Ich war die einzige Europäerin und erhielt einen Tisch für mich allein. Den servierten, delikaten Fisch bezahlte ich in chinesischer Währung.
Während des Essens ließ ich meinen Blick aus dem Fenster schweifen – und sah ein Land, das mich überraschte. Ich nahm an, dass die gepflegten Landschaften nur ausnahmsweise vor die Kamera gelangen würden – also fotografierte ich hastig Bild um Bild. Doch nach und nach erkannte ich: Nordkorea, zumindest entlang der Strecke von Dandong nach Pjöngjang, ist durchgehend geprägt von gut genutzten Agrarflächen und gepflegten Dörfern. Kein Vergleich zu China. Nordkorea schien einen Ausgleich zwischen Natur und Landwirtschaft anzustreben. China hingegen hinterließ den Eindruck industrieller Landnahme – mit Hochhäusern und hastig errichteten Gewerbegebieten, ein Spiegelbild seiner Rolle als globale Werkbank.
Irgendwann wurden kleine Zettel ausgeteilt, auf denen wir unsere persönlichen Daten eintragen sollten. Das Formular war überwiegend in chinesischen und koreanischen Schriftzeichen verfasst. Meine chinesischen Mitreisenden halfen mir beim Ausfüllen. Es wurde unter anderem nach Giftstoffen gefragt, und ich überlegte, ob mein mitgeführtes Natron – als Hygieneartikel – gegen Einfuhrbestimmungen verstoßen könnte. Doch weder in Nordkorea noch später spielte es eine Rolle, dass ich eine durchsichtige Plastiktüte mit weißem Pulver bei mir hatte.
Je näher wir der Hauptstadt kamen, desto stärker wurde ein mulmiges Gefühl in mir. Mir wurde bewusst, dass Nordkorea ein außergewöhnliches Reiseziel war. Eine Woche lang würde ich vermutlich nicht mit vertrauten Menschen kommunizieren können. Ich verließ mein Abteil, um etwas Zeit für mich zu haben. Zwischen zwei Waggons blieb ich stehen und schaute aus dem Fenster. Ich drückte meine Nase gegen die Scheibe. Meine Gedanken sammelten sich rund um die Frage, was mich erwarten würde. Eine Woche ganz auf mich gestellt – in einem Land, das für viele als Synonym für Rückständigkeit und Unfreiheit gilt. Und von dem ich annahm, dass es genau das nicht sein würde.
Der Zug näherte sich langsam, aber stetig Pjöngjang. Die ländliche Kulisse wich urbanen Vororten. Die Hauptstadt mit ihren über drei Millionen Einwohnern kündigte sich an.
Schließlich fuhren wir in die Innenstadt mit ihrer beeindruckenden Skyline ein. Die Einfahrt in den Bahnhof erlaubte erste Blicke auf die städtebauliche Gestaltung Pjöngjangs. Die Metropole wirkte sauber und gepflegt. Auf die ästhetische Gestaltung des öffentlichen Raums und der Verkehrsinfrastruktur wird offensichtlich großer Wert gelegt. Schließlich erreichten wir den Hauptbahnhof. Ich war am Ziel dieser Etappe angekommen.
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